Canto, Toco, Crezco

Lima, Peru

«El Sistema» wurde in Venezuela erfunden und richtet sich an Kinder aus ärmeren Schichten. Das Erfolgsmodell inspiriert weltweit unzählige Menschen. So auch in Peru, wo die Hilti Foundation die Initiative «Sinfonía por el Perú» unterstützt.

Lima an einem trüben, nebligen Tag im November. Es ist früh am Morgen, und wir sind unterwegs nach Manchay, einer Wüstenstadt am südöstlichen Rande der peruanischen Hauptstadt. Wir wollen Carmen Jimena Huamán treffen, eines der rund 4000 Kinder, die am Projekt «Sinfonía por el Perú» beteiligt sind. Schon zu dieser frühen Tageszeit staut sich der Verkehr in der peruanischen Hauptstadt. Etwa 10 Millionen Einwohner leben in Lima, immer mehr Menschen verlassen die ländlichen Gebiete, um ihr Glück in der Stadt zu suchen. Wir fahren durch den Nobelbezirk La Molina. Hohe Mauern, Barrieren und Checkpoints, die den Zugang kontrollieren. Das ist alles, was man von der Strasse aus sieht. Dann verändert sich das Bild. 
Entlang der staubigen, sandigen Strasse verwenden, was irgendwie noch brauchbar scheint. Händler, die sich auf einer Plastikplane am Boden eingerichtet haben und das wenige feilbieten, was sie zu verkaufen haben. 

«Bienvenidos a Manchay» – eine grosse bunte Schrift auf einer Stützmauer heisst uns willkommen. Wir haben es fast geschafft. Die neu asphaltierte Strasse will nicht so recht ins Bild passen. Vor uns öffnet sich ein hügeliges Wüstental, links und rechts dicht besiedelt mit einfachen Einzimmer-Hütten aus Blech oder dünnen Holzplatten. Da und dort eine schüttere Pflanze, die der Trockenheit trotzt. Das Grau des nebligen Himmels geht über in das triste Grau der Steinwüste, nur Staub und Sand. 
Manchay, der Name ist Quechua und bedeutet «Angst». Das Gebiet wurde in den 1980er-Jahren besiedelt, vorwiegend von Menschen, die – vertrieben durch den Terrorismus der Organisation «Leuchtender Pfad» – ein neues Zuhause suchten. Die Nähe zur Stadt war wohl der einzige Grund, sich in diesem unwirtlichen Landstrich niederzulassen. Inzwischen leben hier zwischen 60 000 und 80 000 Menschen, rund 50 % davon in absoluter Armut. Arm heisst: Man verdient weniger als 15 Euro im Monat. Nur ziehen sich Blechhütten und kleine, ärmliche Häuser, vergitterte Lebensmittelläden. Werkstätten, die 10 % der Bevölkerung haben ein regelmässiges Einkommen, die Arbeitslosenrate liegt bei 35 %. Zunehmende Jugendkriminalität und wachsendes Bandenwesen sind die Folge.

sinfonia por el peru 2.jpg
sinfonia por el peru 1.jpg
DSC01960.JPG

«Ideale» Voraussetzungen also für die Eröffnung eines «núcleos», einer Musikschule der Organisation «Sinfonía por el Perú», deren Ziel es ist, in den schwierigen Gegenden des Landes präsent zu sein, um über die Musik zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen sowie deren Familien beizutragen.
Wir sind beim Haus von Carmen angekommen. Sie hat ihre Schulsachen schon gepackt, verabschiedet sich von ihrer Mutter und vom kleinen Bruder und macht sich auf den Weg in die Schule. Die Familie lebt in einem kleinen Holzhaus, das aus zwei aneinandergebauten Räumen besteht. Alles ist sauber und ordentlich, es gibt Strom im Haus, einen Computer und ein Fernsehgerät. Carmens Vater hat Arbeit, ist selbstständig in der Werbebranche. Dadurch kann die Mutter zu Hause bleiben und sich um die Familie kümmern.
Carmens Schulweg führt über eine neu betonierte Treppe in Richtung Tal. Sie passiert ein grosses Tor, das der Kontrolle des Bezirkes dient und sicherstellen soll, dass nur die Bewohner des Viertels Zugang haben. Eine Massnahme, die nötig geworden ist, weil die Kriminalität ständig steigt.
Das Mädchen hat einen langen Tag vor sich. Die Schule beginnt vor acht Uhr und dauert meist bis zum frühen Nachmittag. Danach isst die ganze Klasse in der Schulmensa, und anschliessend geht Carmen in die Musikschule, die im angrenzenden Kloster «Virgen del Rosario» untergebracht ist. Von den über 1500 Kindern der Schule haben sich etwa 10 % gemeldet, als «Sinfonía por el Perú in Manchay begonnen hat.

sinfonia por el peru 4.jpg
Bild Junge Geige.jpg

Canto, toco, crezco
Manchay war einer der ersten «núcleos» im Programm, das der peruanische Tenor Juan Diego Flórez, der wichtigste Kulturbotschafter des Landes 2011 ins Leben gerufen hat. Inspiriert vom venezolanischen «El Sistema» ergriff Flórez die Initiative. Er wollte auch den Kindern und Jugendlichen seines Landes über die Musik konstruktive Werte vermitteln und sie durch das Spiel im Orchester und in Ensembles zu gelebter Gemeinschaft inspirieren und ihr Selbstwertgefühl stärken. «Canto, toco, crezco» – «Ich singe, spiele, wachse» ist das Leitmotiv von «Sinfonía por el Perú». Hoher Qualitätsanspruch auf allen Ebenen ist das verbindende Element der zurzeit rund zwanzig Musikschulen, die sich, über das ganze Land verteilt, mit unterschiedlichsten Rahmenbedingungen und Anforderungen konfrontiert sehen. Dank der Methodik des gemeinsamen Musizierens im Orchester und Ensemble kann man aber doch Rücksicht auf die lokalen Bedürfnisse nehmen und so eine grosse Zahl an Kindern und Jugendlichen erreichen.
Flórez begleitet das Programm trotz gut gefüllter Agenda intensiv und kritisch. Er weiss um die Bedeutung der Qualität bei solchen Initiativen. Dies umso mehr, als das Schulsystem in Peru in den letzten Jahrzehnten sukzessive an Qualität eingebüsst hat.

Die Kinder müssen gefordert werden, und Flórez mit seiner Weltkarriere ist natürlich ihr grösstes Vorbild. Ein Besuch von Juan Diego, wie sie ihn alle freundschaftlich nenne, im «núcleo», ist ein Volksfest, nicht nur für die Musiker und Musikerinnen, sondern auch für ihre Mitschüler, für die Eltern, für die ganze Familie. Sein Besuch motiviert die Kinder, man spürt, wie sie beim Vorspielen beweisen wollen, was sie gelernt haben. 
«Ihr müsst auf eure Ohren aufpassen, euer Gehör schützen. Steckt euch Watte hinein, wenn ihr in der Nähe der Blechbläser sitzt», mahnt Flórez die Musiker des Jugendorchesters von Manchay. «Schaut auf den Dirigenten, nicht auf mich. Konzentriert euch und lasst euch nicht ablenken. Das macht euch zu professionellen Musikern.» 
Er ist ein Idol zum Anfassen. Wie Trauben hängen sie an ihm beim anschliessenden Weg in den grossen Schulhof, wo sich der halbe Bezirk versammelt hat. Selfies, Fotos, Kurzfilme – jeder möchte ein Stück Nähe. «Construyamos un Peru con valores» – «Lasst uns ein Peru der Werte schaffen», so steht es in grossen Lettern auf einer Wand im Schulhof. Und Flórez lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass er diese Aufforderung ernst nimmt. Seine Botschaft an die Jugendlichen ist ein Aufruf zu Fleiss und Konsequenz, seine Bitte an die Eltern ist die um Unterstützung und Förderung ihrer Kinder, darum, ihnen eine Ausbildung zu ermöglichen und sie in ihrer musikalischen Ambition ernst zu nehmen. 
Dass die Botschaft bei den Eltern angekommen ist, zeigt sich im persönlichen Gespräch: Sie erzählen von Kindern, die früher aufstehen, um noch letzte Aufgaben für die Schule zu erledigen, damit am Nachmittag genügend Zeit ist für den Musikunterricht. Von Kindern, die früher verschlossen waren, sich jetzt aber, seit sie in die Musikschule gehen, wieder mehr mitteilen und zu Hause begeistert erzählen, was sie erlebt haben. Bemerkt wird eine geringere Aggression und Gewaltbereitschaft gegenüber Geschwistern und Schulkollegen und besseres Betragen in der Schule sowie mehr Respekt zu Hause.

sinfonia por el peru 3.jpg
sinfoniaperu.JPG

Musik verändert 
«Sinfonía por el Perú» begnügt sich aber nicht mit diesen persönlichen Aussagen, sondern hat den Aufbau der «núcleos» von Manchay und Huánuco, einer Stadt in den peruanischen Anden, zum Anlass genommen, um die Auswirkungen des Projektes wissenschaftlich zu untersuchen. In Zusammenarbeit mit der Interamerikanischen Entwicklungsbank BID wurden die Kinder aus dem Musikprojekt in ihrer Entwicklung verglichen mit ihren Mitschülern, die nicht in das Projekt eingebunden sind. Die Ergebnisse überzeugen und bestätigen die Richtigkeit des Weges. 
Auch Carmens Mutter und der Direktor des «núcleo» von Manchay, Santiago Paredes, beschreiben eine ähnliche Veränderung bei Carmen. Bevor sie in die Musikschule kam, war sie ein verschlossenes und introvertiertes Kind, fleissig in der Schule, aber sehr zurückhaltend und scheu. Durch die Musik hat sie sich geöffnet und ist heute eine der Engagiertesten.. Nach ersten Versuchen mit Geige, Cello und Trompete landete sie schliesslich beim Saxophon, das sie heute mit grosser Leidenschaft spielt. Sie ist damit auch Mitglied der Brass Band, die jeder «núcleo» neben dem klassischen Sinfonieorchester und dem Chor im Angebot hat. Die Musik hat ihr Selbstbewusstsein gegeben. Es macht ihr Freude aufzutreten, nicht nur in der Gruppe, sondern auch als Solistin. Und auch zu Hause ist sie ausgeglichener, übernimmt Verantwortung für den kleinen Bruder und hilft der Mutter im Haushalt. 
«Wir pflegen einen engen Austausch mit den Eltern», so erzählt Santiago Paredes, «einmal im Monat laden wir sie ein in den ‹núcleo›, um mit ihnen anstehende Fragen und Probleme zu diskutieren, aber auch, um Vertrauen zu schaffen und ihnen einen unmittelbaren Einblick zu geben.

sinfonia por el peru 6.jpg

Viele Mütter arbeiten inzwischen im ‹núcleo› mit, und jene, die aus den bescheidensten Verhältnissen kommen, sind die Engagiertesten. Sie kontrollieren die Anwesenheit – wir registrieren jedes Kind, wenn es in die Musikschule kommt und wenn es wieder geht –, sie waschen die Hemden und T-Shirts, die die Kinder bei ihren Auftritten tragen, und sie organisieren Snacks und Getränke für besondere Feste. Der ‹núcleo› ist für sie zu einem Treffpunkt geworden, und manche von ihnen kommen ebenso regelmässig wie ihre Kinder. Sie empfinden es als Privileg, einen Beitrag zu leisten», freut sich der engagierte Direktor, der neben seiner Funktion in der Musikschule auch an der Grundschule unterrichtet.
Das Interesse am Musikunterricht ist ungebrochen. Jedes Jahr gibt es eine Vorspielmöglichkeit, um einen der freien Plätze in der Musikschule zu bekommen. «Wir verlangen von den Kindern ein grosses Engagement.
Wer nicht regelmässig kommt oder unentschuldigt fernbleibt, verliert seinen Platz», erklärt Santiago Paredes. Das hat sich herumgesprochen, und so bewerben sich praktisch nur Kinder, die wirklich dazugehören wollen.
Ein grosses Problem für alle Standorte, an denen «Sinfonía por el Perú» tätig ist, ist die räumliche Infrastruktur.
In Manchay fand die Musikschule ihren Platz in einem Kloster, an anderen Orten sind es Räume der Universitäten oder der öffentlichen Verwaltung, die zur Verfügung stehen. Aber überall gibt es Platzprobleme oder Schwierigkeiten bei der Koordination der Räumlichkeiten aufgrund unterschiedlicher Nutzung.

neuPeru-2014-2.jpg
neusinfonia-por-el-peru-5.jpg
neu_MG_3720.jpg

Und natürlich soll das Projekt wachsen, nachhaltig und ohne die Dinge zu überstürzen, aber doch. Das Interesse im ganzen Land ist gross, die finanziellen Ressourcen jedoch sind beschränkt. Noch hat sich die Regierung nicht bereit erklärt, einen ständigen Beitrag zu leisten, und so sind es vorwiegend ausländische Stiftungen und Private aus Peru, die das Projekt zurzeit finanziell tragen. Aber Juan Diego Flórez ist zuversichtlich. Und er träumt von einem eigenen Zentrum für «Sinfonía por el Perú», um hochbegabte Musikerinnen und Musiker weiterzubilden. Ein Traum für die Zukunft. Einer von vielen. 
Inzwischen ist es Abend geworden. Wir begleiten Carmen nach Hause und kaufen unterwegs noch ein paar Kilo Reis, Kekse und Schokolade für die Familie ein. Das freut vor allem den kleinen Bruder. Carmen ist stolz auf diesen aufregenden Tag. 
Dass sie eine berühmte Saxophonistin werden möchte, das hat Carmen uns zum Schluss noch verraten. Das ist ihr grosses Ziel. Ein Ziel, das sie ernst nimmt und an dem sie konsequent arbeiten will.

DSC01694.JPG