Der Zukunft ein Haus bauen

Srebrenica, Bosnien und Herzegowina

Ein Projekt, welches zulässt, dass sich Mitarbeitende auch direkt engagieren ist Srebrenica. Für Lernende des Hilti Werkes in Thüringen ist die Hausbau-Woche in Bosnien fixer Bestandteil ihrer Ausbildung.

Srebrenica ist ein zauberhaft schönes Tal im Osten von Bosnien, das sich über eine Länge von 50 Kilometern sachte in die Berge schiebt. Die sanfte Hügellandschaft ist durchströmt von der Drina und unzähligen kleinen Flüssen, in denen man fischen und im Sommer herrlich baden kann. Abends, wenn die Dämmerung einsetzt, schimmern die Weiden am Fluss und die Obstbäume in einem aprikosenfarbenen Licht, das seinen Widerhall gefunden hat in den Liedern und den Gedichten der Gegend. Man kann verstehen, warum über hundert Jahre lang unzählige Touristen aus Österreich und dem ehemaligen Jugoslawien ihren Weg in dieses Tal gefunden haben. Srebrenica war berühmt für seine 47 Heilquellen. Die Kurgäste kamen, um hier ihren Eisenmangel und das Rheuma zu kurieren und sich im Übrigen an den prächtigen Gärten zu erfreuen. Der schönste Garten im Städtchen Srebrenica, das den gleichen Namen trägt wie der gesamte Bezirk, wurde jeweils im Sommer von der Gemeinde prämiert. Viele Sommer lang bestand der bevorzugte Gesprächsstoff unter Nachbarn in der Frage: Wer bekommt dieses Jahr den Preis?


Spuren des Krieges

Inzwischen ist das Leben in Srebrenica schwer geworden, sehr schwer. Die Spuren des Krieges sind überall noch sichtbar. Zerstörte Häuser ohne Fenster und Türen, Industrieruinen, die vor sich hinrosten und mit toten Fenstern in den Himmel ragen. Hierher verirrt sich kein Investor. Auf den zerbrochenen Gehsteigen sind die Menschen zu Fuss unterwegs, ein Auto kann sich kaum jemand leisten. «Man muss sich vorstellen», sagt Namir Porič von «Bauern helfen Bauern», «dass die Leute vor dem Krieg alle einen Beruf hatten. Einer war Schreiner, andere waren Ingenieur oder Physiotherapeutin. Viele arbeiteten in der Fabrik. Es gab keine Arbeitslosigkeit. Heute sind alle Bauern. Nicht weil sie das wollen, sondern ganz einfach, weil sie sonst nicht überleben können.»

Noch schlimmer als der wirtschaftliche Niedergang ist die seelische Verwüstung der Überlebenden. Srebrenica reicht wie ein Finger in das Staatsgebiet Serbiens hinein und wurde so zum Schauplatz des grausamen Wahns vom grossserbischen Reich. Im April 1995 wurde das Tal von den serbischen Streitkräften umzingelt. Die orthodoxen Serben, die bis dahin in gutem Einvernehmen mit ihren bosnisch-muslimischen Nachbarn gelebt hatten, wurden evakuiert. Danach begann jenes Grauen, das die Zeit in Srebrenica in ein Vorher und ein Nachher teilt. Im heissesten Sommer des Jahrzehnts wurden die Menschen beschossen, mit Granaten beworfen und systematisch ausgehungert. Ältere Menschen starben, Babys starben. Verwundete konnten nicht operiert werden, weil es keine Medikamente und keine Anästhesie gab und das Spital zerstört wurde. Die Menschen dörrten aus. Die Stadt Srebrenica, die einst 8000 Einwohner gehabt hatte, fasste nun 40000 Flüchtlinge, weil die Menschen ihre Dörfer verlassen hatten, um im Tal Schutz zu suchen. Die serbischen Soldaten gingen an den Hängen durch die Dörfer, zündeten die Häuser an und warteten, bis sie niedergebrannt waren und mit ihnen die Menschen darin. Noch während die internationale Gemeinschaft einen Luftangriff diskutierte, wurden am 11. Juli 1995 Männer und Frauen in einer ausgedienten Batteriefabrik in Potočari zusammengetrieben und getrennt. Nach drei Tagen waren 8000 Männer tot, ermordet von den serbischen Streitkräften und verscharrt in Massengräbern. «Es ist zwanzig Jahre her», sagt Namir Porič. «Aber es ist wie gestern.»

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Neue Existenz
Die Weltöffentlichkeit nimmt Konflikte wahr, selten aber begleitet sie den schildkrötenhaft langsamen Weg des Wiederaufbaus und der Versöhnung. Die österreichische Organisation «Bauern helfen Bauern» hält sich entschieden fern von der Politik und hilft den Menschen in Srebrenica seit 1997 mit handfester Unterstützung. So wurden bisher über 430 Holzhäuser gebaut, um den Rückkehrern eine menschenwürdige Bleibe zu verschaffen. Die Häuser erlauben es den Überlebenden, die noch bestehenden Ruinen wiederaufzubauen und das Land, das ihnen gehört, ohne lange Anfahrtswege zu bestellen. «Wir sind ziemlich unkompliziert», sagt Namir Porič. «Wenn jemand eine gute Idee hat, dann helfen wir. Mit Saatgut, landwirtschaftlichen Maschinen. Wir haben auch beim Aufbau einer grossen Gärtnerei mitgeholfen. Und gerade kürzlich sind uns ausgediente Maschinen einer Bäckerei angeboten worden. Das verhilft mehreren Menschen hier wieder zu einer Existenz. Insgesamt versuchen wir eine Atmosphäre zu schaffen, in der es sich lohnt, zu leben.» Die beiden Häuser, die von den Hilti-Lehrlingen mit der Hilfe von «Bauern helfen Bauern» gebaut wurden, sind zwar ein kleiner Beitrag an die Entwicklung der Region. Für die Familien aber, die inzwischen darin wohnen, bedeuten sie eine grosse Freude und eine unschätzbare Hilfe.

Tag 1: Die Reise
Samstag, 3. Mai, morgens um vier. Es geht los! Noch etwas verschlafen von der kurzen Nacht laden wir das Reisegepäck, die Mitbringsel und einige Hilti-Maschinen in die beiden Kleinbusse. Kurz nach sieben Uhr haben wir die ersten 300 Kilometer hinter uns. In Anif, einer Gemeinde südlich von Salzburg, treffen wir uns mit den Leuten von «Bauern helfen Bauern». Was für eine Freude! Im «Hubertus-hof» warten nicht nur Heinz, Landolf und Edith auf uns. Nein, Doraja – die Gründerin von BhB – sowie Susi und Michaela sind auch da.
Mmh, es gibt Hefeschnecken. Wir müssen aber gleich wieder los. Schliesslich liegen noch mehr als 800 Kilometer vor uns. Heinz, Landolf und Edith steigen zu, und weiter geht es Richtung Srebrenica. Quer durch Österreich, durch Slowenien und Kroatien. Es regnet, um halb acht Uhr abends kommen wir an. Pension «Misirlije». Wir sind still und nachdenklich. Kaputte Häuser, Minenfelder, überall Spuren der Verwüstung. Beim Abendessen lernen wir Namir Pori kennen, die gute Seele von «Bauern helfen Bauern» in Bosnien. Dann heisst es gute Nacht!

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Tag 2: Die Gedenkstätte
Sonntag, 4. Mai. Nach dem Frühstück machen wir uns auf nach Potočari, wenige Fahrminuten nördlich von Srebrenica gelegen. Dort befindet sich die Gedenkstätte, die an die Menschen erinnert, die im Juli 1995 von den serbischen Truppen massakriert wurden. Wir stehen in der Halle, in der so viele bosnische Frauen, Kinder, kranke und alte Menschen vergeblich Zuflucht gesucht haben. Erschüttert sehen wir uns den Film an und besuchen den Friedhof, auf dem die Toten ihre letzte Ruhe gefunden haben. So bekommen wir eine Ahnung von den schrecklichen Geschehnissen in Srebrenica. Beim Mittagessen lernen wir die Genossenschaft «Potonica» (Vergissmeinnicht) kennen. Es handelt sich um Frauen aller Ethnien, die sich zusammengeschlossen haben, um gegen Entgelt für andere zu kochen. Für Besucher, Firmen oder für Reisende, wie wir es sind. Wir bringen der Genossenschaft eine Kücheneinrichtung mit. Die Freude ist gross, und zwar auf beiden Seiten! Das Mittagessen schmeckt, und zum Schluss bekommen wir alle etwas geschenkt: ein Glas Pek-Mez, hausgemachte Traubenmarmelade! Nass und durchfroren erreichen wir die Pension in Srebrenica.

Tag 3: Die Familien
Montag, 5. Mai. Kaum zu glauben, aber es hat aufgehört zu regnen! Ideal für unsere Arbeit. Um sieben fahren wir los zu den beiden Baustellen. Das erste Haus, das die Hilti-Lehrlinge mithilfe lokaler Handwerker bauen werden, ist für Hajra Mujic bestimmt. Frau Mujic hat während des Krieges alles verloren. Lange lebte sie in Holland im Exil, wo schliesslich auch ihr Mann starb. Nun ist sie nach Bosnien zurückgekehrt, hat aber keine eigene Bleibe mehr. Sie kommt entweder bei ihrer Schwester unter, die 250 Kilometer weit weg von Srebrenica wohnt, oder aber bei ihrem Neffen. Das zweite Haus, ganz nah an der Drina, bauen wir für Familie Harbas. Frau Harbas hat ihren ersten Ehemann im Krieg verloren. In zweiter Ehe ist sie mit einem Mann verheiratet, der im Krieg schwer verwundet wurde und einen Arm verloren hat. Gemeinsam mit ihrem fünfjährigen Sohn Namil möchte Familie Harbas von vorn beginnen.
Wir studieren Pläne, sortieren das angelieferte Holz. Die Verständigung ist nicht ganz einfach, wir behelfen uns mit Mimik und Gestik. «Langsam bitte», das heisst «polako». «Hvala», vielen Dank! Ein paar Worte haben wir schon gelernt. Abends sind wir ziemlich erledigt, aber die Aussenwände stehen, und mit dem Dachstuhl haben wir bereits begonnen.

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Tag 4: Die Arbeit
Dienstag, 6. Mai. Früh los und Arbeit bis abends spät. Heute schafften wir die Fenster und die Türen, das Dach und die gesamte Isolierung. Die bosnischen Zimmermänner schneiden alles mit der Kettensäge, verblüffend. Die Männer kommen mit Meterstab, Hammer und Nägeln, einer Wasserwaage und einem Fuchsschwanz aus. Erstaunlich!

Tag 5: Zwei Baustellen
Mittwoch, 7. Mai. Arbeit, Arbeit. Bis zum Abend haben wir das Erdgeschoss geschafft und fast alles im oberen Stock. Eine Seite des Daches wird mit Ziegeln gedeckt. Dazwischen gibt es Kaffee und Kuchen von den zukünftigen Bewohnern des Holzhauses. Auch am Mittag werden wir bestens verköstigt. Besonders schön sitzt man in der Mittagspause auf Baustelle 2. Dort gibt es unten am Wasser der Drina einen kleinen Pavillon. Seit die Hiltis da waren, ist dieser nun auch mit Treppe, Tisch und Bänken ausgestattet!

















Tag 6: Die Übergabe

Donnerstag, 8. Mai. Um 15 Uhr ist das erste Haus fertig. Ein wunderschönes Gefühl! Die Lehrlinge von Baustelle 1 fahren zu Baustelle 2 hinüber, um noch mitzuhelfen. Um 17 Uhr steht auch das zweite Haus. Darauf wird mit einem «pivo», einem Bier, angestossen. Schlüsselübergabe und unbeschreibliche Freude bei den neuen Hausbesitzern. Auch wir sind glücklich und dankbar für die vielen positiven Erfahrungen, die wir gemacht haben. Die Warmherzigkeit der Menschen in Srebrenica hat uns tief beeindruckt.

Tag 7 und 8:
Freitag, 9. Mai, und Samstag, 10. Mai. Um acht fahren wir von Srebrenica aus wieder nach Hause. Langes Fahren, Übernachtung am Wörthersee. Wir hängen noch ewin bisschen ab in der Bar, am nächsten Morgen geht es weiter Richtung Westen. Um 14 Uhr sind wir wieder daheim im Vorarlberg.

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