Diplom für eine besser Zukunft

Mpanshya, Sambia

Fast die Hälfte der sambischen Bevölkerung ist unter 15 Jahre alt und arm. Mehr noch als die Armut schmerzt junge Menschen, dass sie kaum eine Chance haben, ihr zu entkommen. Die Hilti Foundation hat gemeinsam mit SolidarMed und lokalen Kräften ein Pilotprojekt im Gesundheitsbereich ins Leben gerufen, das Perspektiven schafft.

Irgendwann hören die Strommasten auf und dann fliegt das offene Land vorbei, der afrikanische Busch mit Bäumen bis zum Horizont. Mopanis, Regenbäume, Mahagonis und Baobabs, die in den Himmel ragen wie Scherenschnitte. Es gibt nur wenige Dörfer, Dutzende von Kilometern voneinander entfernt. Einfache Siedlungen mit einem Dorfplatz, wo sich die Menschen im Schatten eines Baumes zum Plaudern treffen. Am Strassenrand liegen hin und wieder Bündel aus getrocknetem Elefantengras. So kurz vor der Regenzeit werden die Strohdächer über den Rundhütten frisch gedeckt. Ausser Elefantengras gibt es nichts zu kaufen, nur ein paar Mangos und riesig schwere Säcke mit Holzkohle, die man auf dem Fahrrad durch die Hitze nach Hause pedalt. Es ist brütend heiss, 45 Grad.
Keine 250 Kilometer östlich der sambischen Hauptstadt Lusaka sind die Menschen arm.
Sie essen, was sie selber anpflanzen. Gekocht wird auf der Glut. Der einzige Luxus, den man sich hin und wieder gönnt, ist ein geräucherter Fisch aus dem Sambesi-Fluss. Vorausgesetzt, man hat genügend Geld für die Busfahrt zum Markt. Strom gibt es nicht, fliessendes Wasser gibt es nicht, sanitäre Anlagen nur im Ausnahmefall. Der Alltag ist beschwerlich. Dazu kommt das bedrückende Gefühl, dass man der Armut nicht entkommen wird. Es gibt zwar Schulen, aber keine weiterführende Ausbildung. Fachkräfte in ländlichen Gebieten werden händeringend gesucht, aber auf dem Land gibt es gar keine Institutionen, wo junge Leute eine vernünftige Ausbildung bekommen können. Manche schaffen es in die Stadt. Sie kommen nie wieder zurück, was für ländliche Regionen eine weitere wirtschaftliche Verödung bedeutet.

8000 Pflegende fehlen
Gemeinsam mit SolidarMed und lokalen Partnern engagiert sich die Hilti Foundation in einem Pilotprojekt, das jungen Menschen den Ausstieg aus der Armut ermöglicht und mithelfen soll, dass die ausgebildeten Kräfte in ländlichen Regionen bleiben. In Sambia fehlen derzeit 8000 Krankenschwestern, Krankenpfleger und Hebammen. Tendenz steigend, denn jedes Jahr wächst die Bevölkerung Sambias um rund 500’000 Menschen, was ungefähr einer Stadt wie Zürich entspricht. In diesen Bereich zu investieren, macht Sinn. Zum einen, weil Gesundheit die Voraussetzung bildet für Entwicklung und ein selbstbestimmtes Leben. Zum anderen, weil die Absolventen der Pflegeschule nach der Diplomierung jederzeit eine Stelle und so ein Auskommen finden.

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Gemeinsam anpacken
«Selber etwas auf die Beine zu stellen, ist nicht nachhaltig», erläutert Martina Weber von SolidarMed. «Dann hat man zwar ein schönes Projekt, aber sobald man sich zurückzieht, ist die Chance gross, dass das Projekt zerfällt. Wir arbeiten eng mit den nationalen und regionalen Behörden und Partnern zusammen. Und wir wollten Partner finden, die bereits in diesem Bereich tätig waren.» Fündig geworden ist Weber in Mpanshya, wo Toddy Sinkamba am St. Luke’s Hospital seit 2009 damit beschäftigt war, eine Ausbildungsstätte für Pflegepersonal aufzubauen. Sinkamba, ein blitzgescheiter Mann mit viel Humor, kämpfte und kämpft noch immer mit unzähligen Herausforderungen, die er mit einer beeindruckenden Energie und Erfindungsgabe meistert.

Mangelware Wohnraum

Erstes empfindliches Problem: Es gab keinen Wohnraum, weder für die Studenten noch für die Dozenten. In einer Region, in der Bargeld Mangelware ist, hat niemand das Kapital, Wohnraum zu bauen, um ihn anschliessend zu vermieten. Die Spitäler, mit denen SolidarMed zusammenarbeitete, waren diesbezüglich sich selbst überlassen und konnten ihrem Personal aufgrund der angespannten Finanzlage nur gerade Notunterkünfte anbieten. Das führte zur Absurdität, dass Menschen, die beruflich auf Hygiene ausgerichtet sind, privat keine Möglichkeit hatten, minimale Hygiene-Standards einzuhalten. Eine Dusche nach stundenlanger körperlicher Anstrengung im Spital? Ein stilles Örtchen mit fliessend Wasser? Ein wenig Ruhe und Erholung nach der Arbeit? Kochen ohne den Gang zum Brunnen? Fehlanzeige! Die Unterkünfte waren rudimentär und überbelegt und bildeten damit einen weiteren Stressfaktor zum ohnehin schon belastenden Arbeitspensum.

Fehlende Praxis
Zweites Problem: Wo sollten die Studenten praktische Erfahrungen sammeln? In einem
100-Betten-Spital kommen mehrere hundert Auszubildende nicht zu der nötigen Übung.
Den erforderlichen Prozentsatz von 70 % Theorie und 30 % praktischer Erfahrung können in Sambia viele Spitäler gar nicht einhalten. Toddy Sinkamba und seinem Team war es wichtig, dass die Studenten ein qualitativ hochstehendes Praktikum machen können. Sinkamba erläutert: «Momentan gibt es im Ministerium die Diskussion, ob man den Pflegeberuf mit einem Universitätsabschluss aufwerten soll. Der Minister hat aber betont, dass das Ziel der Ausbildung in jedem Fall die praktische Erfahrung sein soll. Wir brauchen nicht nur mehr Gesundheitspersonal, sondern vor allem besser geschultes Personal. Hier in Mpanshya legen wir grossen Wert auf die ständige Qualitätsverbesserung.

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Wohnraum als unschlagbarer Trumpf
Dank der Hilti Foundation und dem intensiven Engagement von SolidarMed sowie der Schulleitung in Mpanshya konnten wegweisende Lösungen entwickelt werden. So wurde eine Wohnbaugenossenschaft gegründet, die inzwischen bereits sieben Personalhäuser gebaut hat. Der Clou dabei: Mietüberschüsse fliessen ins Spital zurück und ermöglichen so weitere wichtige Anschaffungen wie z. B. ein Ultraschall-Equipment. Ausserdem ist es möglich, die Überschüsse für die Renovierung bereits vorhandener Bauten zu verwenden. Unterstützt wird die Genossenschaft auch vom sambischen Staat, der dem Gesundheitspersonal Wohnzuschüsse bewilligt.
Geleitet wird die Wohnbaugenossenschaft von Mitgliedern der Spital-Administration. Diese haben ein natürliches Interesse, die Geschäfte gut zu leiten. Reklamationen über unhaltbare Wohnverhältnisse landen nämlich zuerst auf ihrem Tisch. Und sie sind es auch, die oft vergeblich nach Fachpersonal Ausschau halten. Gute Wohnmöglichkeiten anbieten zu können, ist ein unschätzbarer Trumpf in der Bemühung, qualifizierte Fachkräfte zu rekrutieren und vor allem zum Bleiben zu bewegen.
Dank dem Investment von Hilti Foundation und dem iEinsatz von SolidarMed-Projektleiter Klaus Thieme konnten inzwischen sieben Personalhäuser und drei Studentenunterkünfte gebaut werden.
Die Theorie-Tutoren, die klinisch-praktischen Instruktoren, aber auch die Studenten sind begeistert. Sie schätzen diese Unterkünfte enorm, denn schliesslich gelten fliessendes Wasser und ausreichend Privatsphäre selbst in der Hauptstadt als Luxus. In der nächsten Projektphase sind weitere Unterkünfte geplant, ebenso wie eine Stelle für den Unterhalt der Gebäude. In Sambia ist die Witterung extrem. Sie schwankt zwischen extrem heissen Trockenperioden, sintflutartigen Regenfällen und Zeiten mit eisig kaltem Wind, wo man in Mütze, Schal und dicken Socken unterwegs ist. Der Materialverschleiss ist entsprechend hoch und Fachkräfte, welche die naturbedingten Schäden reparieren können, sind rar.

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Dezentrale Ausbildung
Auch das Problem der praktischen Übung wurde gelöst: Zwei weitere Spitäler in Katondwe und Chongwe konnten in das Projekt integriert werden. Sie nehmen Studierende auf und betreuen sie während ihres Praktikums. Für beide Seiten ist das eine Win-win-Situation: Die Studierenden lernen über die Rotation andere Pflegeschwerpunkte kennen und können sehr viel üben.
So wird beispielsweise das Spital in Katondwe von einer ausgezeichneten Chirurgin geleitet, der polnischen Ordensschwester Mira Gora. In unmittelbarer Nähe zum Sambesi-Fluss ist diese Art der medizinischen Spezialisierung denn auch bitter nötig. Flusspferde kühlen sich tagsüber oft unter der Wasseroberfläche ab. Kollidiert ein Fischer mit dem Rücken dieses aggressiven Tieres, kommt es zu lebensgefährlichen Stanzbissen. Knochenbrüche von Krokodilschwanz-Schlägen oder Bisswunden von Leoparden, die man versehentlich im hohen Gras aufgeschreckt hat, gehören ebenfalls zu lokal üblichen Verletzungen. Landeinwärts, das Spital von Chongwe ist hingegen bekannt für seine gute Entbindungsstation. Hier kommen pro Jahr fast 2000 Kinder zur Welt. Genügend Gelegenheit also für die angehenden Hebammen, ihre Fähigkeiten unter professioneller Aufsicht zu üben.
Doch auch die Spitäler selbst profitieren: Sie verfügen ab dem 2. Ausbildungsjahr über mehr und besser ausgebildete Kräfte. Die Pflegequalität der involvierten Spitäler verbessert sich insgesamt. Erstens weil sie Vorbildfunktion ausüben müssen und zweitens, weil die Kontrollen durch die Standesvertretung «General Nursing Council» in Ausbildungsspitälern besonders streng ist.

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Das Gesundheitsministerium überzeugen
Die Welt ist komplex. Das bedeutet, dass auch Lösungen gut durchdacht und multisolutional sein müssen. Im Projekt der Hilti Foundation in Sambia sind bereits nach drei Jahren die ersten Erfolge sichtbar. «Im Juni waren nationale Abschlussprüfungen», erzählt Toddy Sinkamba. «Wir haben kürzlich einen Brief vom Ministerium erhalten, in dem man uns zu unserer ausgezeichneten Arbeit gratuliert. Unsere Absolventen haben überdurchschnittlich gut abgeschnitten.» Dann lacht er. «Leider war kein Scheck im Brief, aber ich hoffe, wir können das Ministerium nach und nach davon überzeugen, dass es uns weitere, dringend benötigte Stellen für klinisch-praktische Instruktoren bewilligt.