Grenzen überschreiten

Medellin, Kolumbien

Nicht überall auf der Welt haben junge, begabte Musiker die Chance, sich auf ein internationales Niveau hochzuarbeiten. Dies liegt vielfach an der Qualität des lokalen Lehrangebotes und an fehlenden Netzwerken. Dieser Tatsache Rechnung tragend, hat der kolumbianische Dirigent Alejandro Posada, der seine Ausbildung in Österreich absolvieren konnte, im Jahr 2011 gemeinsam mit dem Philharmonischen Orchester in Medellin eine Akademie gegründet, die besonders talentierten Musikern, meist aus sozial schwierigen Verhältnissen, die Möglichkeit eröffnet, ihre Fähigkeiten über das landesübliche Niveau hinaus zu entwickeln.

Die Akademie bietet dazu regelmässige Intensivworkshops und Orchesterprojekte mit renommierten Solisten, Dirgenten und Orchestermusikern, die das Studium ergänzen und neue Standards setzen. Seit 2015 strahlt diese Akademie als «Academia Iberoamericana» nun auch über Kolumbien hinaus und ist auf dem besten Weg, sich zu einem Kompetenzzentrum für musikalische Aus- und Weiterbildung in Südamerika zu entwickeln. Dabei geht es jedoch keineswegs nur um musikalische Qualität, sondern auch um soziale Kompetenz. Wie in zahlreichen anderen lateinamerikanischen Ländern hat sich auch im kolumbianischen Medellin mit La Red ein Programm entwickelt, welches mit rund 30 Musikschulen in den schwierigsten Teilen der Stadt Kindern und Jugendlichen regelmässigen Musikunterricht bietet. Ziel dieser – vom venezolanischen El Sistema inspirierten – Institution ist es, den Kindern eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung anzubieten und sie gleichzeitig zu sensibilisieren, dass im Miteinander ein grosses Potential liegt, um die eigenen Fähigkeiten und Talente weiter zu entwickeln. Aus dieser Institution identifiziert die Academia Iberoamericana jene jungen Musikerinnen und Musiker, die das Talent für eine professionelle Musikerkarriere besitzen. Stipendien der Akademie öffnen diesen Jugendlichen, die zumeist aus bescheidenen sozialen Verhältnissen stammen, den Weg an die Universität, wo sie ihr Musikstudium absolvieren.

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Begleitend dazu finden bis zu sechsmal pro Jahr Intensivwochen statt, in denen die Studierenden mit renommierten Musikern Orchesterprogramme erarbeiten und lernen, was es braucht, um sich von einem durchschnittlichen auf ein hervorragendes Niveau zu entwickeln. Dies beginnt, abgesehen von den grundsätzlichen musikalischen Fähigkeiten, mit Themen wie Probendisziplin und führt bis hin zur Verantwortung und Position des Musikers in der Gesellschaft. Nicht der in der klassischen Musik weit verbreitete, elitäre Ansatz wird vermittelt, sondern der Gedanke, dass Musik ein soziales Instrument ist, welches in die Gesellschaft eine bedeutende Rolle spielen kann.
In diesem Sinne arbeiten die Musiker auch miteinander, unterstützen sich gegenseitig und lernen, wie sie mit ihren musikalischen Fähigkeiten soziale Verantwortung übernehmen können. Das Gemeinsame steht über dem Individuellen, und dennoch muss jeder sein Potential und seine persönlichen Fähigkeiten im Sinne des gemeinsamen Ganzen weiterentwickeln. Das Ergebnis dieser Arbeit sind junge, verantwortungsbewusste und teamorientierte Musiker und Musikerinnen, die mit grossem Ernst, Hingabe, Fleiss und Konsequenz die Angebote der Akademie nutzen, parallel zu ihrem Studium aber auch in unterschiedlichen Bereichen mitarbeiten und so Verantwortung mittragen. Was sie antreibt ist das Verständnis dafür, welches Potential ihnen die Akademie bietet, dass es aber letztlich um den ganz persönlichen Einsatz geht, mit dem der einzelne diese Angebote wahrnimmt und umsetzt.

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Brücken bauen 
Das in der Zwischenzeit erreichte, hohe Niveau der Academia Iberoamericana ist seit 2015 auch Grundlage für eine von der Hilti Foundation initiierte internationale Ausrichtung der Akademie. Häufig fehlt es in Musik-Sozialprogrammen Südamerikas an qualitätsvollen Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Viele der Lehrer, die Tag für Tag in Bolivien, Peru und anderen Ländern Südamerikas sogenannte Núcleos, also Musikschulen leiten, haben nur eine Basisausbildung im eigenen Instrument, daneben fehlt ihnen das pädagogische Rüstzeug, das Wissen um psychologische Aspekte des Unterrichtens oder auch das Bewusstsein für Themen wie Gesundheitsprävention oder soziale Problemstellungen. Die Lage der Musikschulen auf dem Land fernab der Städte, schlechte oder keine Internetanbindung und der fehlende regelmässige Austausch untereinander machen das Dasein dieser Lehrer zur täglichen Herausforderung. Nicht selten entwickeln sich begabte Kinder schnell über das Niveau des eigenen Lehrers hinaus.

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Diese Lehrenden sind die Zielgruppe für die internationalen Schwerpunktwochen, die die Academia Iberoamericana seit 2015 anbietet. In 14-tägigen Intensivkursen belegen die Teilnehmer neben Instrumentalunterricht auch Kurse im pädagogischen und psychologischen Bereich. Sie lernen, welche gravierenden Folgen eine falsche Haltung beim Musizieren haben kann und bekommen wertvolle Tipps, wie sie ihren Unterricht zielgerichteter und effizienter gestalten können. Das Modul besteht aus drei Blockveranstaltungen, an deren Ende die Teilnehmer mit einem Diplom abschliessen. Ganz nebenbei entsteht so auch ein Netzwerk der Lehrenden, welches einen ganzjährigen Austausch untereinander ermöglicht, der auch rege betrieben wird.

Gleichsam als Unterstützung vor Ort sendet die Academia Iberoamericana ihre talentiertesten kolumbianischen Musiker in die teilnehmenden Länder, um dort für eine beschränkte Zeit zu unterrichten. Dieser Unterricht wird als Praxisteil des universitären Studiums anerkannt und gibt den Musikern die Gelegenheit, ihre pädagogischen Fähigkeiten zu entwickeln.

Know-how Transfer aus Österreich
Die Academia Iberoamericana profitiert auch von der Partnerschaft der Hilti Foundation mit der Stiftung Mozarteum Salzburg. So entsendet die renommierte Institution regelmässig Musiker und Wissenschaftler zu den Intensivkursen nach Medellin. Im Austausch haben jeden Sommer zwei kolumbianische Musiker die Möglichkeit, auf Einladung der Stiftung Mozarteum an der begehrten Sommerakademie der Universität Mozarteum in Salzburg teilzunehmen.

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