HANDWERK FÜRS LEBEN

Monaragola, Sri Lanka

Manchmal macht das Schicksal einen Umweg. So war das 2005, als die Hilti Mitarbeitenden etwas für die Opfer des Tsunami tun wollten. Weil es plötzlich ganz viel internationales Hilfsgeld und wenig vernünftige Projekte an den Küsten von Sri Lanka gab, entschied sich Hilti für die Finanzierung einer Berufsschule im Dschungel. Heute haben über 1200 Menschen ein Diplom, das ihr Leben verändert hat.

Acht Stunden mit dem Bus und genauso lange mit dem Tuc-Tuc. Wer nicht das Glück hat, mit dem Auto unterwegs zu sein, muss auf die Autobahn verzichten und den Weg durch das Gebirge nehmen, um von Colombo nach Monaragala zu kommen. Immerhin, seit drei Jahren ist die Strasse asphaltiert und zweispurig. Geblieben sind Hunderte von Kurven und Steilhänge, schraffiert von den weisslichen Stämmen der Kautschukbäume. Es gibt Zimtbäume und Pfeffer, der im Schatten von Wirtsbäumen in die Höhe wächst. In den Berglagen öffnet sich der Dschungel, die Hänge sind bedeckt von Teesträuchern. Dort arbeiten Frauen im Akkord, gebeugt unter der schweren Last der gepflückten Teeblätter. In Tieflagen wird Reis angebaut, auch dies eine anstrengende Arbeit. Wochenlang verbringen die Reisbauern in der Hocke. Jede einzelne Reispflanze wird von Hand in den lehmigen Sumpf gedrückt, tausendfach bis zum Horizont.

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Für den Westen mag Sri Lanka ein Ferienparadies sein. Für die Einheimischen im Landesinneren jedoch, 180 Kilometer östlich der Hauptstadt, ist der Alltag vor allem eins: eine eintönige Plackerei ohne Ende. Zur Armut gesellen sich die Folgen des Bürgerkrieges, der erst 2009 zu Ende gegangen ist. Der Krieg hinterliess Tote, Waisen, Verstümmelte, Traumatisierte. Er untergrub das Vertrauen der Menschen zueinander und ruinierte die Schulbildung einer ganzen Generation. Wie soll man lesen und schreiben lernen, wenn Panik und ständige Fluchtbereitschaft an der Tagesordnung sind?

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Die Kombination von Armut und Bürgerkrieg führte im Jahr 2000 dazu, dass SOS Children’s Village in Monaragala ein Kinderdorf eröffnete. Der Bedarf nach einem liebevollen Zuhause für Waisen und Kinder, deren Eltern nicht mehr alleine zurechtkamen, war immens. Vier Jahre später schnellte der Bedarf noch einmal in die Höhe, denn das Seebeben, das in Sri Lanka fast 40 000 Todesopfer forderte, hinterliess unzählige Waisen und Halbwaisen. «Wir haben uns natürlich gefragt, was aus den Kindern Sri Lankas werden soll, wenn sie Jugendliche sind», erzählt Divakar Ratnadurai, stellvertretender Direktor von SOS Children’s Village Sri Lanka. «Auch im Zusammenhang mit der Umsetzung der Kinderrechtskonvention sind wir auf das Problem gestossen, dass es in Monaragala nach der Primarschule keine weiteren Bildungsangebote gab. In Monaragala sind die Menschen wirklich arm.Sie haben weder das Geld, ihre Kinder an einen anderen Ort zu schicken, noch ihnen eine höhere Ausbildung zu finanzieren. »Als eine Mitarbeitende der Hilti Gruppe2005 erstmals nach Monaragala reiste, um sich mit dem Projekt einer Berufsschulezu befassen, waren nur gerade die Fundamente zu sehen. Für die Fortsetzung des Projektes fehlte schlicht das Geld. Wer hätte gedacht, dass auf dieser traurigen Baustelle zehn Jahre später eine Institution betrieben würde, die landesweit Standards setzt und nicht privilegierten Jugendlichen eine so ausgezeichnete Berufsbildungbietet, dass Arbeitgeber in ganz Sri Lanka anerkennend nicken, wenn sie das Diplom aus Monaragala in den Bewerbungsunterlagen entdecken? «Immer öfter kommen vermögende Eltern vorbei, die ihre Kinder bei uns in die Ausbildung schicken möchten.», erzählt der Schulleiter Rohan da Silva. «Das ist aber nicht möglich. Wir nehmen ausschliesslich Jugendliche aus Familien auf, die einen staatlichen Bedürftigkeitsausweis haben.»

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Sprungbrett für erstaunliche Karrieren
Für einmal haben die Armen ein Privileg und sie nutzen es. In den vergangenen zehn Jahren hat das SOS Vocational Training Center Monaragala über tausend Jugendlichen einen Beruf verschafft, der ihnen und ihren Familien ein würdiges Leben ermöglicht.

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Nicht selten wurde der idyllisch gelegene Campus mit Internat zum Sprungbrett für erstaunliche Karrieren. Nicht wenige Ehemalige haben sich selbstständig gemacht und das, obwohl es zu Beginn allen an Startkapital und damit am nötigen Equipment fehlte. So erzählt der Automechaniker R.M. Tneekshana Dilshan, wie er es angestellt hat, sein eigener Chef zu werden: «Ich arbeitete zuerst als Autoverkäufer, war aber mit dem Gehalt nicht zufrieden. Als ich ein kaputtes Motorrad entdeckte, sagte ich mir: ‹Du kannst Autos reparieren, dann kannst du auch ein Motorrad reparieren.› Ich kaufte es für wenig Geld, reparierte es und verkaufte es zum doppelten Preis. Unter dem Strich verdiente ich 20 000 Rupien (ca. 140 USD). Damit konnte ich mir die ersten Werkzeuge kaufen.» Andere schafften den Sprung in «whitecollar»-Berufe, indem sie in ihrem Beruf arbeiteten, sparten und sich weiterbildeten. Und einige geben inzwischen ihr Wissen selber weiter, wie zum Beispiel Danushka Nikalas. Der blutjunge Patisserie-Chef in einem internationalen Catering-Unternehmen verfolgt dabei klare Grundsätze, wenn er Mitarbeiter anlernt: «Wenn meine Leute einen Fehler machen, frage ich sie immer: ‹Willst du es wirklich lernen?› Wenn sie es wirklich lernen wollen, strenge ich mich an und gebe alles für sie. Sonst nicht.»

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Aus sich herausgehen
Der Erfolg des SOS Vocational Training Center hat nicht nur mit der Qualität des Unterrichtes zu tun, sondern auch damit, dass die Schulleitung grossen Wert legt auf die Persönlichkeitsentwicklung. Die Ausbildung ist kurz, und ein Osterspaziergang ist sie nicht. Um an eines der begehrten Diplome für Bäcker, Automechaniker, Schweisser, Schreiner, Elektriker und Computeranwenderinnen zu kommen, wird den Jugendlichen viel abverlangt: Engagement, Disziplin und Arbeit an der eigenen Persönlichkeit. «Die meisten Jugendlichen kommen aus verwahrlosten Haushalten. Wir bringen ihnen bei, wie man den Arbeitsplatz und die private Umgebung sauber und ordentlich hält. Wichtig ist uns auch, dass sich die Jugendlichen für die Gemeinschaft einsetzen und Verantwortung für andere übernehmen. Aus diesem Grund war der Bau der Veranstaltungshalle, welche auch die Hilti Mitarbeitenden finanziert haben, so wichtig. Dort tagt jetzt jede Woche einmal der Schülerrat, wo die Jugendlichen lernen, ihre Anliegen zu formulieren und konstruktiv zu vertreten. Auch die Theatergruppe hilft, dass sie lernen, aus sich herauszugehen », erklärt Rohan da Silva. Jugendliche unter Druck mit der ihm ganz eigenen Sensibilität hat da Silva auch jenen Mann zum Lehrlingsbetreuer gemacht, dem die jungen Menschen auf dem Campus am meisten vertrauen. K. Dinesh Kumara ist ein Hüne mit Humor und Herz, überdies ein Mann mit vielen Talenten. Der Computerspezialist hat Psychologie studiert, verfügt über eine Hypnoseausbildung und hat als Ehemann einer Bankfachfrau einen guten Draht zum Thema Finanzen. «Für die Jugendlichen ist es hier nicht immer einfach», erzählt er. «Wenn sie am Wochenende nach Hause fahren und sehen, wie die Eltern sich ohne ihre Hilfe auf den Feldern doppelt abrackern, leiden sie sehr. Manche Eltern machen ihnen auch viele Vorwürfe, weil sie aus ihrer Optik nichts leisten. Die Jugendlichen haben oft Kummer, übrigens auch Heimweh, dann vertrauen sie sich mir an.» Kumara ermutigt die Jugendlichen, die Ausbildung trotzdem nicht abzubrechen. Er gibt ihnen Tipps, versorgt sie mit Ratgeberbüchern, berät sie finanziell und stärkt ihnen den Rücken, wenn sie zum Bewerbungsgespräch gehen. «Die Jugendlichen kommen vom unteren Ende der sozialen Leiter. Sie sind es gewohnt, dass man auf sie herabsieht. Sie sind Landeier, furchtbar schüchtern Fremden gegenüber. Ich übe dann mit ihnen, wie man den Kopf halten sollte, wie man Augenkontakt hält und höflich, aber selbstbewusst auftritt», erzählt Kumara, der auch die Datenbank der Ehemaligen unterhält. Selbst nach der Ausbildung hält die Schule Kontakt und setzt sich für ihre Alumni ein, zum Beispiel wenn Arbeitgeber die Unerfahrenheit der Absolventen ausnützen.

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Selbstbewusstsein entwickeln
Dass sie sich wehren müssen, ist eine Erfahrung, welche die angehenden Berufsleute oft schon während der Ausbildung machen. Das Schulkonzept sieht vor, dass zwischen Ausbildung und Abschlussprüfung ein Praktikum absolviert wird. Wenn es zu Abbrüchen in der Ausbildung kommt, dann geschieht es fast immer in dieser «heissen» Phase. Die Gründe dafür sind vielfältig. Gewisse Arbeitgeber nutzen die Lehrlinge aus, indem sie ihnen eine unwürdige Unterkunft bieten, sie schlecht bezahlen und behandeln, sie bis zu 18 Stunden täglich arbeiten lassen oder sie ganz einfach mit berufsfremden Dingen beauftragen. Nur wenn die Jugendlichen darüber sprechen, kann die Schule auch etwas unternehmen. Fehlbare Unternehmen kommen auf eine schwarze Liste, aber oft schweigen die Jugendlichen aus Scham oder aus Angst, keinen anderen Praktikumsplatz zu finden. Ebenso problematisch ist es, wenn die Lehrlinge dem Sirenengesang des Bargelds erliegen und sich von den Unternehmen abwerben lassen. Viele Jugendliche verstehen nicht, dass sie sich ohne Diplom vom aktuellen Arbeitgeber abhängig machen und sich als billige Arbeitskraft die weitere Zukunft verbauen. Hier steckt das Vocational Training Center in einem Dilemma, denn das Konzept der dualen Berufsbildung ist in Sri Lanka verhältnismässig neu. Es braucht immer noch viel Überzeugungsarbeit seitens der Schule bei den Unternehmen, um überhaupt Praktikumsplätze zu finden. Handwerker in Sri Lanka werden zwar händeringend gesucht, aber nicht alle Unternehmen sind bereit, jungen Menschen etwas beizubringen und so das Ausbildungswesen des Landes insgesamt voranzubringen. Die Regierung ist bereits aktiv und unternimmt grosse Anstrengungen, um den Bedarf an qualifizierten Handwerkern sicherzustellen. Mit der Regierung arbeitet das Vorzeigeprojekt SOS Vocational Training Center Monaragala denn auch eng zusammen. «Wir hoffen, dass es irgendwann zu einem Gesetz kommt, das Arbeitgebern die Abwerbung von Praktikanten während der Ausbildungszeit verbietet», hofft Divakar Ratnadurai, der von sich selber sagt, er sei von Natur aus optimistisch. Wenn man die zehnjährige Erfolgsgeschichte des SOS Vocational Training Centers in Monaragala betrachtet, darf man zuversichtlich sein, dass auch dieses Problem eines Tages gelöst sein wird.

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