Medizinische Hilfe in Extremsituation

Weltweit

Die Hilti Foundation unterstützt «Médecins Sans Frontières» (MSF) seit mehreren Jahren. Neben der Hilfe im Rahmen der Syrienkrise hat die Hilti Foundation die Entwicklung von RISK und RDSU finanziert. Die beiden Dispositive für mobile Notfallchirurgie werden zahlreichen Menschen das Leben retten.

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«Ich habe schreckliche Bilder gesehen», sagt Thomas Nierle. «7000 Flüchtlinge sind angekommen, und weil es nirgends Platz gab, haben sie sich in einem Wohnturm eingerichtet, der nicht fertig gebaut ist. Stellen Sie sich das vor. Keine Wände rundherum, kein Schutz vor Wind und Kälte, kein Wasser. Fünfzehn, zwanzig Stockwerke hoch. Wie sollen die Menschen da ihre Notdurft verrichten?» Thomas Nierle ist seit Mai 2014 Präsident von MSF Schweiz, und er macht sich  grosse Sorgen, was die Lage im Mittleren Osten angeht. Die Syrienkrise begann 2011, und sie begann voller Hoffnung. Als die Menschen in Damaskus auf die Strasse gingen, sah es ganz danach aus, als ob der arabische Frühling eine syrische Fortsetzung finden würde. Noch 2012 versprach Präsident Baschar al-Assad Reformen und freie Wahlen. Aus diesen Versprechungen ist nichts geworden. Was als demokratische Bewegung begann, ist zu einem Bürgerkrieg geworden, der mit äusserster Brutalität geführt wird. Die oppositionellen Kräfte kämpfen gegen die Regierungstruppen und den Islamischen Staat. Die Regierungstruppen bombardieren Zivilisten. Die internationale Allianz bombardiert Stützpunkte der schihadisten. Und der Islamische Staat hat das Machtvakuum genutzt, um zwischen Damaskus und dem kurdisch kontrollierten Norden des Landes eine Herrschaft des Schreckens einzurichten. Das Land, das gute Chancen für einen Neuanfang gehabt hätte, liegt in Trümmern. «In Syrien gab es eine Mittelklasse, ein gutes Bildungssystem. Das Gesundheitswesen funktionierte. Das vergisst man gern», erinnert Thomas Nierle. «Nach drei Jahren Krieg haben die Familien ihre Reserven aufgebraucht. Fast die Hälfte der syrischen Bevölkerung, ungefähr zehn Millionen Menschen, befindet sich auf der Flucht. Das sind Flüchtlinge, die sich mit ihrem Status schwertun, viele von ihnen sehr gebildet.»

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Eiskalte Winter
Die Lage im Mittleren Osten ist unübersichtlich und so verfahren, dass kaum Aussicht auf Besserung besteht. Die Nachbarländer, wie etwa der kleine Libanon, haben die Flüchtlinge anfangs sehr herzlich aufgenommen, stossen aber an ihre Grenzen. Inzwischen tragen vier Millionen Libanesen die Last von einer Million syrischer Flüchtlinge. Ähnlich ist die Situation in Jordanien und im Irak. Umso wichtiger erschien es der Hilti Foundation, die Ärzte und das Pflegepersonal von MSF bei ihrer Arbeit in der Krisenregion finanziell zu unterstützen. Hilfsorganisationen haben es ausgesprochen schwer, Gelder zu finden, die in Gebieten eingesetzt werden dürfen, in denen sich Krisen chronifiziert haben. Die mediale Aufmerksamkeit richtet sich rasch auf neue Krisen, sodass die Gefahr besteht, dass Menschen in höchster Not einfach vergessen gehen.
Grossen Herausforderungen sieht sich MSF in der Bekaa-Ebene gegenüber. Dort leben inzwischen rund 400 000 syrische Flüchtlinge in Rohbauten, Garagen oder Zelten. Ihre körperliche Verfassung ist schlecht, das aride Klima greift die Atemwege an. Bronchitis und Lungenentzündungen kommen gehäuft vor. Die Bekaa-Ebene gilt als Gemüse- und Obstkammer des Libanon, das Klima jedoch ist sehr hart. Bis zu acht Meter Schnee fallen während eines Winters. Monatelang ist es um die Zelte herum feucht und schlammig, wwas natürlich die Infektionsgefahr für alle erhöht. MSF betreibt in der Bekaa-Ebene vier Spitäler, versorgt die Flüchtlinge medizinisch und bietet Impfungen, Geburtshilfe und psychologische Unterstützung an. Ausserdem verteilen die Teams Hilfsgüter. Das Personal von MSF besteht zu einem grossen Teil aus einheimischen Mitarbeitern. Darunter finden sich auch syrische Flüchtlinge, die selber Ärzte und Pflegefachleute sind und nun ihren Landsleuten helfen.
Für den Winter 2013/14 hat die Hilti Foundation zusätzlich zur Krisenhilfe ein Budget für die sogenannte «winterization» von 1000 Familien zur Verfügung gestellt. MSF versteht darunter das gesamte Hilfspaket, das Betroffenen über den Winter helfen soll. Dazu gehören wetterfeste Zelte, Öfen, Gutscheine für Brennstoff, Decken etc. Als eine der letzten verbliebenen Hilfsorganisationen ist MSF auch noch in Syrien tätig. MSF betreibt drei Krankenhäuser in Nordsyrien.
In anderen Gebieten kann die Hilfsorganisation nicht arbeiten, da sie keine Erlaubnis erhalten hat oder es zu gefährlich wäre. Um syrische Mediziner zu unterstützen, hat MSF ein umfassendes Hilfsprogramm entwickelt, das einen besonderen Schwerpunkt auf belagerte Gebiete legt, die von direkter Hilfe abgeschnitten sind. «Die Lage ist auch in Nordsyrien sehr angespannt», sagt Thomas Nierle. «Wir haben ein sehr strenges Sicherheitsmanagement für unser Personal. Daher wissen wir nicht, wie lange wir noch in Syrien bleiben können. Solange es aber geht, werden wir den Menschen dort helfen, denn die Bedürfnisse sind sehr gross. Viele Menschen in Syrien sind eingeklemmt zwischen den Fronten und der Grenze zum Libanon. Die Libanesen haben getan, was sie konnten, aber nun machen sie langsam ihre Grenzen dicht.

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Sosehr Mitgefühl eine Rolle spielen mag, Helfen ist auch ein Beruf. In Extremsituationen ist es äusserst wichtig, dass jeder und jede weiss, wo anzupacken ist und dass das Equipment zu den vorgefundenen Situationen passt. In dieser Hinsicht konnte die Hilti Foundation 2014 ein innovatives Projekt von MSF im Bereich Notfallchirurgie unterstützen. Mathieu Soupart, Direktor der Logistik, erklärt, worum es geht: «Mit jeder Stunde, die vergeht, haben die Chirurgen einen anderen Patienten-typus vor sich. Wenn sie nicht sofort intervenieren können, werden sie manche Patienten verlieren. Was uns bisher fehlte, war eine gut durchdachte, phasengerechte Struktur, um in Krisengebieten Notoperationen vorzunehmen.»
2002 und 2005 waren Katastrophenjahre. Erinnert sei an die Hurrikane, den Tsunami oder das Erdbeben in Pakistan. MSF war mit Einsätzen in riesig grossen, komplett verwüsteten Gebieten konfrontiert, in denen die Infrastruktur zerstört worden war. Wenn MSF in dieser Art von akuten Notfällen angemessen helfen wollte, bedeutete dies, dass die Organisation ihre Kapazität steigern und die Qualität ihres Equipments verbessern musste. Einen ersten Schritt in diese Richtung machte MSF in den Jahren 2006/2007 mit der Entwicklung von MFH (Modular Field Hospital).
MFH ist ein allgemeines Krankenhaus, das in aufblasbaren Zelten untergebracht ist. Es verfügt über zwei Operationssäle und ermöglicht den Patienten auch eine längere Hospitalisation. Der Aufbau des Feldkrankenhauses auf rund 20 000 Quadratmetern ist allerdings mit Aufwand verbunden und braucht Zeit. Zeit, die man nicht hat, wenn es darum geht, die chirurgische Versorgung sicherzustellen und Menschenleben zu retten. Um die zeitliche Lücke zwischen dem Katastrophenereignis und der Inbetriebnahme von MFH zu füllen, hat MSF Schweiz zwei weitere Lösungen entwickelt: RISK (Rapid Intervention Surgical Kit) für die erste Interventionsphase und RDSU (Rapid Deployment Surgical Unit) für die zweite Interventionsphase nach Eintritt einer Katastrophe.

Innovation im Team
Die Schwierigkeiten, mit denen sich das Team um Mathieu Soupart bei der Entwicklung dieser innovativen Lösungen konfrontiert sah, waren weniger technischer als organisatorischer Natur. Das Wissen ganz unterschiedlicher Berufsgruppen musste in das Projekt einfliessen und ständig abgeglichen werden. Beteiligt an der Entwicklung waren Architekten, Ingenieure, Zeltbauer, Anästhesisten, Chirurgen, Möbellieferanten, Logistiker, Spezialisten der Luftfahrt, Zollfunktionäre und Operationsschwestern. «Wenn zum Beispiel ein Anästhesist gerne einen bestimmten Apparat gehabt hätte, mussten wir ihm unter Umständen antworten: Was du haben möchtest, wiegt eine Tonne. Das geht nicht, wir müssen eine Lösung finden, die weniger wiegt, damit wir garantiert mobil bleiben», erklärt Soupart.

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Phase I: RISK
RISK ist ein ultraleichtes Equipment, das im gleichen Flugzeug reist wie das Chirurgenteam. Es umfasst einen transportfähigen Operationssaal und das gesamte Material, das für Operationen nötig ist. RISK wiegt insgesamt 400 kg, kann aber von den Chirurgen und den Anästhesisten von Hand getragen werden. Besonders wichtig war Mathieu Soupart, dass die Volumina nicht zu gross wurden, damit die Fluggesellschaften eine prioritäre Verschickung über den ganzen Reiseweg hinweg garantieren können.

Phase ll: RDSU

RDSU kommt in der zweiten Interventionsphase zum Einsatz. Dieses Dispositiv umfasst einen Notaufnahmeraum und Operationssäle in aufblasbaren Zelten. Die Einrichtung verfügt über eine eigene Stromversorgung, eine Wasseraufbereitungsanlage und eine Einrichtung zur Sterilisation der Instrumente. Mehrere chirurgische Teams können hier rund um die Uhr arbeiten. Es können unter Vollnarkose Laparotomien vorgenommen werden, sowie die Verschliessung und Behandlung von allen Wunden, die in der ersten Interventionsphase erkannt und behandelt wurden. Das Dispositiv ist innerhalb weniger Tage betriebsbereit und kann, sobald es den Einsatzort erreicht hat, innerhalb von 24 Stunden aufgestellt werden.
Auch bei RDSU war es wichtig, dass jedes einzelne Modul von Hand getragen werden kann. «Das Gewicht», so Soupart, «spielt dabei noch nicht einmal eine so grosse Rolle. Entscheidend ist dagegen, dass bei schweren Teilen Handgriffe angebracht sind, sodass man sie zu sechst oder zu acht bewegen kann.» Grundsätzlich ist es nämlich so, dass die Transportmöglichkeiten immer bescheidener werden, je näher man dem Einsatzort kommt. «Erst fliegt man von Europa in die Hauptstadt des Landes. Von dort aus geht es mit dem Lastwagen oder Helikopter weiter in die Provinzstadt. Zum Schluss hält man auf der Strasse einen Pick-up oder einen Karren an und zahlt dem Fahrer etwas, um weiterzukommen», fasst der Franko-Belgier zusammen.
Zwei Jahre lang tüftelte das Team um Mathieu Soupart an den Prototypen für RISK und RDSU. Ein erster Testlauf auf einem Parkplatz in Bordeaux im Mai 2014 verlief erfolgreich. Nun werden die Prototypen verbessert und validiert, die Notfall-Crews werden geschult für den Einsatz mit den neuen Equipments. Seit Frühling 2015 stehen RISK und RDSU bereit zum Abruf für den Ernstfall.
«Bisher brauchten wir 21 Tage, um Menschen im Medical Field Hospital zu helfen. Man mag einwenden, dass 21 Tage keine sehr lange Zeit sind. Wenn aber jemand verwundet ist, dann ist schon eine Stunde zu viel. Wir sind sehr froh, dass wir dank der Hilti Foundation RISK und RDSU entwickeln und so das fehlende Glied in der Kette ergänzen konnten», freut sich Mathieu Soupart.