Musik als Lebenschance

Caracas, Venezuela

1975 gründete der venezolanische Wirtschaftswissenschaftler und Musiker José Antonio Abreu in Caracas mit 11 jungen venezolanischen Musikern das erste Jugendorchester. Damit legte er den Grundstein für «El Sistema», ein nationales Netzwerk aus Musikschulen, Orchestern und Chören, welches das Ziel verfolgt, der Gewalt, dem Drogenmissbrauch und der Kinderverwahrlosung in sozial benachteiligten Vierteln entgegenzuwirken. Heute, mehr als vierzig Jahre später, musizieren mehr als 800‘000 Kinder in den über 400 Musikschulen des Landes – auf dem Weg in eine bessere Zukunft.

El Sistema vermittelt Kindern und Jugendlichen, zumeist aus sozial benachteiligten Schichten, eine fundierte musikalische Ausbildung. Dabei steht nicht der Einzelunterricht, sondern das Lernen in der Gruppe, in der Gemeinschaft im Vordergrund. Für den Gründer, José Antonio Abreu war und ist das Orchester das Spiegelbild einer funktionierenden Gesellschaft. Nur im positiven Zusammenwirken aller Kräfte wird es möglich, ein Ziel zu erreichen. Entscheidend ist dabei dennoch der Beitrag jedes Einzelnen. So erlernen Kinder ganz selbstverständlich ihre Rolle in der Gemeinschaft. Engagement, Disziplin und Fleiss sind unabdingbare Voraussetzungen um innerhalb des Netzwerkes weiterzukommen. Verlässlichkeit, Pünktlichkeit, gegenseitiges Aufeinander hören, Verantwortungsbewusstsein füreinander gehören ebenso zum Verhaltenscodex, wie die Bereitschaft der Fortgeschrittenen, den jüngeren Orchestermitgliedern Hilfestellung zu leisten.
Auf diese Art entwickeln die Kinder und Jugendlichen ein neues Bewusstsein. Sie wachsen auf mit Werten, die sie auch im Alltag voranbringen werden, wie auch immer ihre berufliche Zukunft einmal aussehen mag. Zusätzlich stärken sie ihre Persönlichkeit, verbessern ihr Selbstbewusstsein und ihr soziales Verantwortungsbewusstsein.
Für fast alle Kinder ist die Musikschule ein Zuhause geworden. Mindestens fünf Tage pro Woche verbringen die Kinder den Nachmittag beim Musikunterricht, spielen im Orchester und singen im Chor. Allein die Häufigkeit des Unterrichts ist bereits ein Erfolgsgarant, da die gegenseitige Motivation auch weniger begabten Kindern ermöglicht, besser voranzukommen als im herkömmlichen Musikerziehungssystem.

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Chancen für Talente
Besonders talentierte Kinder und Jugendliche haben die Chance, ihr Talent zum Beruf zu machen – als Solisten, Orchestermusiker oder als Lehrer. «El Sistema» verfügt inzwischen über 400 Musikschulen, sogenannte «núcleos» und 1340 Orchester in ganz Venezuela, von den Anfängerorchestern in den Musikschulen bis hinauf zum «Simón Bolívar Symphony Orchestra of Venezuela», dem wichtigsten Botschafter des Projekts. Seit Ende der 90er Jahre trägt dieses Orchester die Idee von «Musik als Lebenschance» auf seinen Tourneen in alle Welt und hat bis heute mehr als 300 Projekte weltweit inspiriert, dem Vorbild von «El Sistema» auf die eine oder andere Art zu folgen.

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Gustavo Dudamel – einer von ihnen
Der charismatische Chefdirigent des Simón Bolívar Orchestra, Gustavo Dudamel, ist selbst im Projekt gross geworden. Im Alter von 12 Jahren übernahm er in seinem Jugendorchester die Leitung einer Probe und stellte sein grosses Talent unter Beweis. Es folgten Jahre der Ausbildung, unter anderem bei Abreu, aber auch bei Weltklassedirigenten wie Simon Rattle, Daniel Barenboim oder Claudio Abbado, der über viele Jahre hinweg immer wieder in Venezuela arbeitete. Heute musiziert Gustavo Dudamel nicht nur mit «seinen Bolívars» und den Kinder- und Jugendorchestern Venezuelas, sondern hat als Chefdirigent der Los Angeles Philharmonic eine Weltkarriere gemacht. Kaum eines der führenden Orchester der Welt, an dessen Pult Dudamel noch nicht gestanden hat. Und er ist zum grossen Idol für tausende Kinder und Jugendliche weltweit geworden, weil er der klassischen Musik auch bei jüngeren Generationen einen neuen Stellenwert gegeben hat. «Die hohe Kunst der Musik ist kein sozialer Luxus mehr», so José Antonio Abreu bei seiner Eröffnungsansprache der Salzburger Festspiele 2013. «Musik für alle» – unter diesem Motto begibt sich Gustavo Dudamel in Zukunft auch mit dem fabelhaften Kinder- und Jugendorchester von Venezuela auf Tournee. Ziel sind dabei nicht die renommierten Konzerthäuser der Welt, sondern Orte wie Freilichtbühnen und Stadien mit grossem Fassungsvermögen, um möglichst vielen Menschen ungeachtet ihrer sozialen Herkunft die Chance zu geben, diese Konzerte zu erleben. Teil dieser Tourneen wird auch die Zusammenarbeit mit Sistema-ähnlichen Programmen in den verschiedenen Teilen der Welt sein. Ein Anliegen, das Dudamel mit grossem Einsatz und Engagement verfolgt, wann immer sich ihm die Möglichkeit dazu bietet.

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El Sistema und die Hilti Foundation
Das Engagement für El Sistema entspricht den Fördergrundsätzen der Hilti Foundation gleich in mehrfacher Hinsicht, vereinen sich doch in diesem Projekt soziale, kulturelle und bildungsrelevante Aspekte gleichermassen: In den letzten mehr als 40 Jahren haben Hunderttausende venezolanische Jugendliche aus sozial schwachen Verhältnissen durch Musik einen Weg gefunden, dem Kreislauf der Armut zu entkommen. Mit Engagement, Disziplin und konsequenter Arbeit haben es viele sogar zum Berufsmusiker geschafft und sind heute – als Lehrer, Orchestermusiker oder Solisten – in der Lage, von der Musik zu leben. Ein besonderes Anliegen ist für die Hilti Foundation die ständige Arbeit an der Qualität des Projektes. So zielt die aktuelle Unterstützung primär auf die Aus- und Weiterbildung der Lehrer, unter anderem durch eine Weiterbildungsakademie, die Gustavo Dudamel in Venezuela ins Leben gerufen hat. Durch die Zusammenarbeit mit international renommierten Musikern aus aller Welt bietet diese Institution regelmässige Meisterklassen, deren Ergebnisse dann von den teilnehmenden Lehrern in ihren Musikschulen multipliziert werden. Zudem unterstützt die Hilti Foundation auch weiterhin die internationalen Tourneen der führenden Orchester von El Sistema in der Überzeugung, dass diese einen unentbehrlichen Beitrag zur Verbreitung der Idee von sozialem Wandel durch Musik darstellen.