Versunkene Geschichte

Hafen von Alexandria, Ägypten

Mehr als tausend Jahre waren sie aus der Geschichtsschreibung verschwunden – die Städte Thonis-Herakleion und Kanopus an der ägyptischen Mittelmeerküste, ebenso wie der sagenumwobene Palast von Ägyptens letzter Pharaonin – Kleopatra. Franck Goddio hat sie wiederentdeckt. Der Franzose gilt heute als der renommierteste und erfolgreichste Unterwasserarchäologe der Welt. Er hat diesen Wissenschaftszweig mit modernsten Methoden weiterentwickelt, ja revolutioniert. Die Hilti Foundation begleitet und unterstützt Goddios Forschungen in Ägypten seit Beginn eine fruchtbare Partnerschaft für beide Seiten.

Franck Goddio wurde 1947 in Casablanca geboren. Als er fünf Jahre alt war kehrten er, seine Mutter und seine Schwester in ihre Heimat Frankreich zurück. Sein Interesse für Geschichte und Archäologie entdeckte er auf der Schule. Schon während der Schulferien machte er erste archäologische Erfahrungen bei Ausgrabungen, auf denen Kinder nach «Schätzen» graben durften. Aus der Begeisterung wurde eine Leidenschaft, die ihn seither nicht wieder losgelassen hat – obwohl sein Leben vorerst eine andere Richtung nehmen sollte.

Vom Finanzfachmann zum Archäologen

Nach einem Mathematikstudium in Paris trat er 1972 für die UNO seine erste Stelle als Regierungsberater in Indochina an.
Drei Jahre später wechselte er dann im Auftrag des französischen Aussenministeriums nach Saudi-Arabien. Sechs Jahre bewegte er sich auf dem internationalen Finanz-Parkett zwischen Riad, Paris, Frankfurt und Washington.
Inzwischen war er Mitte dreissig und suchte nach einer anderen, einer sinnstiftenden Herausforderung. Ein einjähriges Sabbatical widmete er ganz der Archäologie und bemerkte bald eine Lücke in der Forschung: Kaum eine Universität oder ein privates Institut forschte systematisch und wissenschaftlich fundiert nach im Meer versunkenen Altertümern. Gerade dort aber sollten Zeugnisse der Menschheitsgeschichte eigentlich noch nahezu so aufzufinden sein, wie sie einst verschwanden. Anderthalb Jahre lang bereiste Goddio nun die Welt, sprach mit Wissenschaftlern, Tauchern und Universitäten.
Besonderes Interesse entwickelte er für Ägypten, genau für die Gegend um die Stadt Alexandria und die Bucht von Abukir. Dort vermutete er schon bald Thonis-Herakleion und Kanopus, jene antiken Städte, die einst – vor der Gründung von Alexandria – grosse Bedeutung besassen, von denen aber seit über tausend Jahren jede Spur fehlte.
Mitte der 1980er-Jahre gründet Goddio in Paris das Europäische Institut für Unterwasserarchäologie (IEASM) als künftiges Zentrum und Rückgrat seiner Aktivitäten. 1996 unterstützt die Hilti Foundation Goddios erste Sondierungen im «Portus Magnus», dem Grossen Hafen von Alexandria. Die Mission ist erfolgreich und markiert den Beginn der nunmehr über 20 Jahre andauernden Forschungen von Franck Goddio und seiner Partnerschaft mit der Stiftung.

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Herausfordernde Arbeitsbedingungen
Eine bis zwei Grabungsmissionen organisiert Goddios Institut pro Jahr in Ägypten in Zusammenarbeit mit der Ägyptischen Antikenverwaltung. Rund 50 Männer und Frauen arbeiten für gewöhnlich im Grabungsteam - auf dem Forschungsschiff «Princess Duda» ebenso wie in den Werkstätten an Land. Archäologen, Taucher, Restauratoren, Techniker und Fotografen - und natürlich die Bordcrew der «Princess Duda». Der Raum an Bord ist beengt und fordert von allen Teammitgliedern Disziplin und Toleranz und eine lückenlose Logistik. Jeder hat seinen Platz, seine Aufgabe, seine Verantwortung. Fünf bis sechs Wochen gibt es keinen Landurlaub, nur konzentriertes Arbeiten.

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Die Zeit für die Arbeit unter Wasser ist beschränkt. Die schlechte Sicht, verursacht durch die Strömung, vor allem aber durch die nahe gelegene Industrie mit ihren Abwässern, ist nur wenige Wochen im Jahr einigermassen erträglich. So muss jeder Tag bestmöglich geplant und der Einsatz der Taucher so effizient wie möglich gestaltet werden. Zeit ist kostbar.

Bis zu vier Taucherteams arbeiten parallel an verschiedenen Stellen, unterstützt durch ein Beiboot, oft mit einem Generator, der den Betrieb der Sauger unter Wasser ermöglicht, die das Abtragen von Sand und Sediment unterstützen. Oft sind es zwei bis drei Meter sandiges und schlammiges, aber auch hartes Material das entfernt werden muss, bevor die Archäologen erste

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Dokumentation und Restaurierung
Jeder Befund und jeder Fund auf dem Meeresboden wird exakt vermessen und an Bord sofort in eine Gesamtkarte eingetragen. So entsteht seit Jahren ein immer dichter werdendes Bild, das mit jedem Tauchgang um einige Details reicher und verständlicher wird.
Eine besondere Aufgabe kommt den Restauratoren an Bord der «Princess Duda» zu, die die Artefakte begutachten, reinigen und erste Schritte für die Konservierung setzen. Eine unsachgemässe Behandlung der Funde könnte deren Zerstörung zur Folge haben. Über zweitausend Jahre im Salzwasser hinterlassen ihre Spuren und der plötzliche Entzug des Wassers kann zur Zerstörung der Artefakte führen.

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So werden die Funde zunächst in Süsswasser entsalzt und dann, je nach Material, mit chemischen Substanzen behandelt, die sie für die Nachwelt erhalten sollen.
Um etwa Statuen wie das steinerne Königspaar aus Thonis-Herakleion wieder
so wirken zu lassen, wie sie vor mehr als zwei Jahrtausenden vor dem Tempel standen, werden die Fragmente auf eigens gebaute Schlitten geschnallt, sodass sie sich in der Horizontalen zusammenführen lassen. Die Risse im Gestein werden mit einem Kitt aus Harz und Granitpulver verschlossen, und die Teile der Figuren nach exakter Vermessung mit Bohrungen versehen, in die Dübel und rostfreie Stahlstifte eingesetzt werden. Um sie aufrichten und stabil halten zu können, erhalten die Kolosse schliesslich ein individuell angepasstes stählernes Stützkorsett an der Rückenpartie. Nach Jahrtausenden im nassen Grab dürfen der Pharao und seine Königin dann endlich aufstehen. Ein Kran leistet Hilfestellung. Langsam erhebt sich erst die Königin, nach ihr der Pharao. Dann stehen sie wieder nebeneinander. Schweigend verfolgt Franck Goddio die Arbeiten, und erst als beide Figuren sicher stehen, findet der Wissenschaftler die Sprache wieder. «Das hier», sagt er mit einer weit ausholenden Armbewegung, «das ist die wahre Magie Ägyptens.»

Publikation und Vermittlung
Die beachtlichen Forschungsergebnisse veranlassten Franck Goddio und die Hilti Foundation bereits um die Jahrtausendwende, sich nach einem wissenschaftlichen Partner umzusehen. Mit der School of Archaeology der Oxford University fand man schliesslich nicht nur einen kongenialen Partner, der der Idee einer Zusammenarbeit mit grosser Offenheit gegenüberstand, sondern der auch Interesse hatte, das eigene Lehrangebot um ein Institut im Fachbereich der Unterwasserarchäologie zu erweitern. So nahm 2003 das Oxford Centre for Maritime Archaeology (OCMA) den Betrieb auf und unterstützt Franck Goddio seither bei der Publikation der Ausgrabungsergebnisse. Die Hilti Foundation finanziert nicht nur den Institutsbetrieb, sondern vergibt jährlich zwei Doktorrats-Stipendien für junge Archäologen, die sich speziell der Unterwasserarchäologie widmen wollen und die auch regelmässig an den Ausgrabungen in Ägypten teilnehmen. Zudem organisiert das Institut internationale Fachtagungen zu verschiedenen Themenbereichen der Unterwasserarchäologie.
Seit 2009 lehrt Franck Goddio als Senior Visiting Lecturer an der School of Archaeology in Oxford, wo er regelmässig über seine neuesten Erkenntnisse berichtet. «Wir hatten ja keine Ahnung, dass es unter dem Meer so viele erstklassige Funde gibt», erinnert sich Sir Barry Cunliffe, Professor Emeritus für Europäische Archäologie. Gemeinsam mit seinen Kollegen Professor Roland R. R. Smith und Professor Andrew Wilson, war Cunliffe massgeblich am Zustandekommen dieser Partnerschaft beteiligt.
«Franck Goddio sieht Land, wo Wasser ist», sagt Damian Robinson, seit 2007 Leiter des OCMA. Und genau diese Fähigkeit ist für erfolgreiche Unterwasserarchäologen unerlässlich.
Neben regelmässigen wissenschaftlichen Publikationen für die Fachwelt werden die Ergebnisse von Franck Goddios archäologischer Arbeit seit dem Jahr 2006 auch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Über zwei Millionen Besucher sahen die erste Ausstellung unter dem Titel «Versunkene Schätze» in Berlin, Paris, Turin, Mailand, Japan und den USA. Seit 2015 ist die aktuelle Ausstellung «Osiris – Das versunkene Geheimnis Ägyptens» in Europa zu sehen und wird ab 2018 auch in den USA gezeigt.

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