Jungen Menschen durch Musik eine Stimme geben
Seit über zehn Jahren unterstützt die Hilti Foundation soziale Musikprojekte auf der ganzen Welt mit dem Ziel, Kindern und Jugendlichen in schwierigen Lebenslagen neue Perspektiven zu eröffnen. Kerstin Appel leitet seit über einem halben Jahr das Programm „Musik für sozialen Wandel" und bringt dafür musikalische und soziale Leidenschaft mit. [AK1.1]Im Interview spricht sie darüber, warum Musik mehr ist als Klang und wie sie gesellschaftlich so viel bewegen kann. „Musik schafft eine Verbindung, die im Körper messbar und im Herzen spürbar ist", sagt sie. Ein Satz, der das Programm auf den Punkt bringt.
Frau Appel, was ist der Auftrag von „Musik für sozialen Wandel“?
Musik für sozialen Wandel hat Auftrag und Ziel, durch kostenlose musikalische Förderung von Kindern und Jugendlichen aus benachteiligten Verhältnissen die soziale Entwicklung der jungen Menschen zu fördern. Durch das Musizieren in einem Orchester, in einem Chor oder in einer anderen Formation sollen Werte wie Teamfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein, aber auch Selbstbewusstsein erlernt werden. Dieses Angebot des Musizierens in einer Gruppe bietet jungen Menschen einen geschützten Raum.
Und der Plan ist es dann, dass aus allen Musikprofis werden?
Es geht in erster Linie nicht darum, musikalische Talente zu entdecken. Ob die Kinder später Friseure, Ärzte oder Geiger werden, ist unwichtig. Ziel ist es, benachteiligten Kindern und Jugendlichen bessere Chancen im Leben zu geben und sie von Gewalt, Armut und Perspektivlosigkeit wegzuführen.
Musik wird als Werkzeug verwendet, um die Persönlichkeitsentwicklung zu fördern und damit auch auf gesellschaftlicher Ebene einen sozialen Wandel herbeizuführen. Die Strategie der Hilti Foundation liegt auf langfristigen Initiativen für systemischen Wandel. Sie setzt sich dafür ein, nachhaltige positive Veränderungen für den individuellen Menschen, aber auch die Gemeinschaft bzw. die Gesellschaft zu erreichen. Schlussendlich handelt es sich also um ein gesellschaftspolitisches Engagement.
Warum sollte sich Musik für so einen Wandel besonders eignen?
Musik unterscheidet weniger zwischen dem männlichen und dem weiblichen Geschlecht, zusätzlich ist die Musik als solche weniger kompetitiv, als es der Sport ist. Musik spricht eine universelle Sprache, die über Landesgrenzen hinausgeht. Sie ist sozusagen eine multikulturelle Botschafterin.
Und was kann die Musik beim Einzelnen bewirken?
Sie hat einen positiven Einfluss auf das Gehirn: Das sogenannte Kuschelhormon Oxytocin wird zum Beispiel durch körperliche Nähe wie eine Umarmung freigesetzt und besitzt die Fähigkeit, das Immunsystem zu stärken sowie Stress, Angst und Schmerzen zu reduzieren. Gemeinsames Musizieren hat einen enormen Anstieg von Oxytocin zur Folge.
Damit ist klar: Musik schafft eine Verbindung, die im Körper messbar und im Herzen spürbar ist. Wie sang schon Nick Cave im „Spinning Song“: „The Song, it spins, it spins, it spins". Musik reisst Menschen mit.
Gibt es auch in der Region Projekte, die unterstützt werden?
Die Hilti Foundation engagiert sich seit vielen Jahren in Südamerika, in Afrika und in Europa, so auch in Österreich. Sie unterstützt die Bregenzer Festspiele und fördert die Stiftung Mozarteum in Salzburg.
Weiter ist der Stiftung der von der Caritas, den Wiener Sängerknaben und dem Wiener Konzerthaus gegründete Verein Superar ein grosses Anliegen. Superar fördert Kinder musikalisch, unabhängig von ihrem kulturellen, religiösen, sprachlichen oder ökonomischen Hintergrund - ein soziales Leuchtturmprojekt, das sich seit seiner Gründung in Wien bereits auf sieben Länder ausgebreitet hat.
Wie unterstützt die Hilti Foundation ihre Partnerorganisationen über die finanzielle Förderung hinaus?
Wir verstehen uns als langfristiger Partner. Neben finanzieller Unterstützung fördern wir den Wissensaustausch, die Professionalisierung von Organisationen und den Aufbau von Brücken zwischen verschiedenen Akteuren im Musikbereich. Oft bringen wir Partner aus unterschiedlichen Welten zusammen, etwa soziale Musikprogramme, Bildungsinstitutionen oder etablierte Kulturorganisationen. Gerade dieser Austausch schafft neue Perspektiven und stärkt die Gemeinschaft.
Welche Rolle können private Stiftungen im Bereich Musik für sozialen Wandel übernehmen?
Öffentliche Institutionen, zivilgesellschaftliche Organisationen und private Förderer leisten jeweils wichtige Beiträge. Private Stiftungen können dort einen Mehrwert schaffen, wo langfristige Perspektiven, Innovation oder Organisationsentwicklung gefragt sind. Für die Hilti Foundation steht dabei immer die Frage im Mittelpunkt, wo wir mit unseren Ressourcen die grösstmögliche soziale Wirkung erzielen können.
Können Sie da Kriterien nennen?
Der soziale und integrative Aspekt muss bei unseren Partnerorganisationen einen wichtigen Stellenwert haben. Stiftungszweck ist es, Menschen zu befähigen, ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben zu führen. Die Musik verwenden wir als Mittel, um dieses Ziel zu erreichen.
Ich stelle mir ein Orchester oft wie eine Gesellschaft vor. Der Dirigent übernimmt die Führung, während die Stimmführer die anderen unterstützen und anleiten. Fehlt ein Instrument, ist das Orchester unvollständig. Durch das Mitspielen in einem Orchester lernen Kinder und Jugendliche, dass sie wertvolle Mitglieder der Gesellschaft sind und dass sie auch soziale Verantwortung tragen.
Inwieweit nimmt die Stiftung - ausser der finanziellen Unterstützung - Einfluss auf die Arbeit der Initiativen?
Die Hilti Foundation zeichnet aus, dass eine Zusammenarbeit mit Projektpartnern stets auf Kontinuität setzt. Das heisst, dass wir strategisch auch in anderen Bereichen begleiten und unterstützen.
Oft haben die Musikorganisationen des sozialen Wandels beispielsweise keine klare Strategie oder es fehlt ihnen an Wissen bezüglich konkreter Managementstrukturen. Auch hier stehen wir zur Seite und helfen den Organisationen auf ihrem Weg der Professionalisierung.
Woran lässt sich der Erfolg des Stiftungsengagements messen?
Eine Studie hat beispielsweise ergeben, dass Teenagerschwangerschaften bei jungen Teilnehmerinnen des Programmes „Sinfonía por el Perú" in Lima im Vergleich zu anderen Jugendlichen in Lima um 75 Prozent abnehmen.
Wie lässt sich das erklären?
Die Mädchen lernen durch ihre Teilnahme im Chor oder im Orchester, dass ein Nein etwas ganz Selbstverständliches ist, und setzen dies auch in anderen Lebensbereichen um.
Überhaupt lässt das Spielen im Orchester das Selbstbewusstsein der jungen Musizierenden um etwa 30 Prozent steigen. Das sind wichtige und aussagekräftige Zahlen. Aber der Satz: „Du brauchst Zahlen für das Hirn und Geschichten für das Herz“ hat auch seine Berechtigung.
Welche solcher Geschichten haben Sie denn schon erlebt?
Als ich vergangenen Sommer das erste Mal die von Juan Diego Flórez nach der El Sistema-Philosophie gegründete Organisation „Sinfonía por el Perú“ in Lima besucht habe, traf ich eine junge Frau, die aus äusserst benachteiligten Verhältnissen stammt und seit ihrer Kindheit im Chor von „Sinfonía por el Perú“ singt.
Die Jahre im Verbund des Chores haben sie insofern geprägt, als sie sich heute politisch für Frauenrechte engagiert und Jus studiert, um anderen benachteiligten Menschen zu helfen. Das sind Geschichten fürs Herz!
Bei unserem Treffen hat sie zu mir gesagt: „Die Musik hat mir gezeigt, welche Potential in mir steckt. Wenn ich das nicht erkannt hätte, hätte ich nicht erreicht, was ich nun erreiche."
Ein kurzer Dokumentarfilm über die Größen der klassischen Musik Juan Diego Flórez und Roberto González-Monjas, der deren gemeinsame Überzeugung hervorhebt, dass Musik ein Motor für soziale Entwicklung und Selbstermächtigung ist.