Seite an Seite für die Menschlichkeit
Seit Eskalation der Situation in der Ukraine im Februar 2022 sind auf beiden Seiten geschätzte 1,5 Millionen Menschen getötet oder schwer verletzt worden. Damit ist dieser Konflikt der mit Abstand blutigste seit dem Zweiten Weltkrieg, der je auf europäischem Boden stattgefunden hat. Die internationale Hilfsorganisation„Ärzte ohne Grenzen“ist seit Beginn vor Ort in der Ukraine, um dabei zu helfen, eine Akutversorgung für Verletzte sowie eine medizinische Grundversorgung für die leidende Zivilbevölkerung aufrechtzuerhalten. – Ein kurzer Einblick, mit welchen konkreten Aufgaben die Hilfsorganisation dabei konfrontiert ist und wie Hilti sie bei diesem Einsatz unterstützt.
Wer die Ukraine besucht, erlebt aktuell ein fast bizarres Bild. Während im Landesinneren und den westlichen Teilen trotz regelmässiger Raketen- und Drohnenangriffe ein fast normales Alltagsleben möglich scheint, tobt im Osten das pure Grauen. Nähert man sich dort dem Frontverlauf – je nach Kriegsgeschehen ein Streifen von 10 bis 50 km Breite – ist es mit dem ruhigen zivilen Leben vorbei: Hier patrouillieren fast nur noch Soldaten und Militärfahrzeuge, Landschaft und Infrastruktur bieten ein Bild der totalen Verwüstung.
Einer, der sich seit Kriegsausbruch bereits viermal in unmittelbare Nähe dieser Todeszone begeben hat, ist Tankred Stöbe. Der deutsche Internist und Notfallarzt ist seit über 20 Jahren bei „Ärzte ohne Grenzen“, war in dieser Zeit in mehr als 30 Hilfseinsätzen auf der ganzen Welt eingesetzt und darüber hinaus auch in verschiedenen Führungspositionen der Organisation tätig: etwa als Präsident der deutschen Sektion oder im internationalen Vorstand.
„Als medizinischer Koordinator bekam ich in diesen Ukraine-Einsätzen einen Einblick aus erster Hand, wie man dort entlang des gesamten Frontverlaufes – von der Stadt Sumy im Norden bis Odessa im Süden – der im angrenzenden Hinterland noch lebenden Zivilbevölkerung am besten helfen kann“, beschreibt Tankred Stöbe seine Hauptaufgabe. Genau dort, nahe der Front, sind die Verletzungsraten oft exorbitant hoch und das kollabierende Gesundheitssystem meist heillos überfordert.
Die Hilfsorganisation konzentriert sich in der Ukraine derzeit auf vier Arbeitsbereiche. „Punkt 1: Wir unterstützen die örtlichen Krankenhäuser in Frontnähe mit medizinischem Material und Medikamenten. Zudem sind in diesen Krankenhäusern unsere überwiegend ukrainischen Kolleginnen und Kollegen in einem Zwei-Wochen-Modus im Einsatz, ehe sie durch ein neues Team ersetzt werden“, erzählt der Rettungsmediziner.
Der zweite Fokus liegt bei Verlegungsfahrten von Schwerverletzten zu von der Front entfernteren, in der Regel personell und technisch besser eingerichteten Spitälern. „Zu Kriegsbeginn kooperierten wir mit dem Chef der ukrainischen Eisenbahn und statteten bereits ausrangierte Waggons mit Intensivbetten und der dafür notwendigen Technik aus und führten so tausende Transporte durch. Um flexibler Kliniken anfahren zu können, stellten wir später auf ein Ambulanzsystem mit aktuell über 20 Fahrzeugen um. Auf diese Art waren in den letzten Jahren über 30'000 solcher Verlegungsfahrten möglich“, erklärt Tankred Stöbe.
Der dritte Schwerpunkt der Hilfsorganisation in der Ukraine liegt in der möglichst frühen Rehabilitationsarbeit. Der erfahrene Arzt macht deren Bedeutung deutlich: „Je eher damit gerade nach schweren Verletzungen begonnen werden kann, also innerhalb der ersten Woche nach dem Trauma, desto besser sind die Genesungschancen.“ Eine Tatsache, die bei aktuell geschätzt 500'000 Schwerverletzten im Land besonders ins Gewicht fällt. Über „Ärzte ohne Grenzen“ konnten zumindest 8'000 davon allein im vergangenen Jahr mit entsprechenden Rehabilitationsmassnahmen behandelt werden.
Und im vierten und letzten Tätigkeitsbereich der Hilfsorganisation geht es vor Ort aktuell um die Versorgung chronisch kranker Personen, von denen viele noch entlang und nahe der Front leben. „Ein gewaltiger Arbeitsauftrag für uns. Wir fahren dafür in regelmässigen Abständen mit Ärzten, Pflegepersonal und auch Psychologen in Dörfer oder Gemeinden. Allein im letzten Jahr waren so mehr als 40'000 medizinische Konsultationen möglich“, fasst Tankred Stöbe die intensiven Bemühungen in diesem Bereich zusammen.
Alle vier umfassenden Tätigkeitsfelder wären laut dem deutschen Arzt ohne die Unterstützung von privaten Unternehmen wie Hilti nicht zu bewältigen. Abgesehen von den seit Jahren zur Verfügung gestellten finanziellen Mitteln aus dem Notfallfonds hebt Tankred Stöbe dabei auch das mit Hilfe von Hilti entwickelte und bereits weltweit in anderen Krisengebieten bestens bewährte Geoinformationssystem (GIS) hervor: „Dieses vielseitig einsetzbare und je nach Bedarf mit unzähligen Daten gespeicherte System ist für unsere tägliche Arbeit in der Ukraine unentbehrlich, da wir über dieses von der aktuellen Sicherheitslage bis zum Zustand von medizinischen Einrichtungen und deren Ausstattung stets auf dem letzten Stand gehalten werden und so entsprechend agieren können.“
Vom herausfordernden Hilfseinsatz in der Ukraine ein kurzer Abstecher in eine deutlich angenehmere Gegend: in die Schweiz nach Genf. Am dortigen Hauptsitz der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ arbeitet Esther Schaufelberger, die auch die Partnerschaft mit Hilti über die letzten Jahre begleitet hat. „Mit Hilti verbindet uns seit 2009 eine langfristige und vertrauensvolle Partnerschaft, die auf zwei Säulen beruht: Unterstützung im Bereich Nothilfe sowie in Sachen technischer Innovation“, erklärt die Leiterin Philanthropie. Etwa zwei Drittel der finanziellen Mitteln fliessen dabei in den Nothilfefonds, ein Drittel in technische Innovationsprojekte wie das bereits erwähnte, weltweit erfolgreich eingesetzte Geoinformationssystem. Ein anderes, gemeinsam bereits realisiertes Projekt betrifft eine mobile OP-Einheit, mit der gerade in Gebieten ohne funktionierende Infrastruktur – wie aktuell etwa in Gaza – Schwerverletzte ärztlich rasch erstversorgt werden können.
„Allein diese beiden, mit Hilfe von Hilti umgesetzten Projekte wirken sich enorm hilfreich und nachhaltig auf unsere Arbeit aus“, bestätigt die studierte Sozialanthropologin.
„Und die Zahlungen von Hilti in unseren Notfallfonds stellen sicher, dass wir in einem plötzlichen humanitären Katastrophenfall wirklich innerhalb weniger Stunden reagieren können und nicht erst, nachdem wir die Mittel dafür aufgestellt haben.“ Ausserdem garantieren diese Gelder auch langfristige Einsätze in Krisengebieten wie etwa dem Sudan, die längst aus der öffentlichen Wahrnehmung und Berichterstattung verschwunden sind, obwohl das Leid dort nach wie vor tagtäglich zum Himmel schreit.
Eine über Jahre andauernde verlässliche Unterstützung durch private Unternehmen, Stiftungen oder Einzelpersonen kommt so nicht nur einer langfristigen Planungssicherheit zugute, sondern ist gerade aufgrund der aktuellen Entwicklungen auf der Weltbühne von grosser Bedeutung. „Wir sehen derzeit bei anderen Hilfsorganisationen und NGOs, die anders als wir von staatlichen Zuwendungen abhängig sind, wie diese brutal zu kämpfen haben und teilweise ihre Aktivitäten oder Einsätze auf null herunterfahren müssen. Allein, was die Kürzungen und Streichungen in letzter Zeit von US-Seite auslösten, wirkt sich dramatisch aus“, erklärt Esther Schaufelberger. „Unsere Hilfsorganisation war da immer schon sehr restriktiv. Wir nehmen kaum Unterstützungen von Staaten an, um so auch stets unabhängig agieren zu können.“
Die Partnerschaft mit Hilti zeichnet für Esther Schaufelberger aber noch etwas aus: eine authentisch gelebte Menschlichkeit. Sie erzählt dazu folgende Episode: „Als der Krieg in der Ukraine ausbrach, zeigten sich neben den ohnehin Jahr für Jahr zur Verfügung gestellten Mitteln der Hilti Foundation auch die Mitarbeitenden des Unternehmens sofort solidarisch und spendeten grosszügig. Darüber hinaus wurden sogar noch zusätzliche Gelder kurzfristig durch eine firmeninterne Versteigerung von Hilti Werkzeugen lukriert. Es war für mich beeindruckend, wie man damals bei Hilti ganz spontan und unkompliziert nach Wegen gesucht hat, um möglichst rasch zu helfen.“
Noch einmal ein kurzer Blick zurück in die Ukraine, dorthin, wo die Hilfsgelder letztlich – neben anderen Krisengebieten – ankommen. Für Tankred Stöbe weit über deren materiellen Wert hinaus. „Es war für mich als Arzt und Mensch bei den bisherigen Einsätzen vor Ort oft frustrierend und zermürbend, all das Leid zu sehen und gleichzeitig zu wissen, dass die ganze Welt zwar zuschaut, sich aber trotzdem nichts oder kaum etwas ändert“, gesteht der Mediziner offen. „In solchen Situationen keimen Hoffnung und Zuversicht meist nur auf humanitärer Ebene auf. Und dann bekommen Hilfsleistungen, wie sie etwa Hilti seit vielen Jahren leistet, eine ganz besondere Bedeutung. Die betroffene Bevölkerung wie auch wir Einsatzkräfte spüren darin eine unglaubliche Wertschätzung und Menschlichkeit, die in einem wieder den Glauben an eine bessere Zukunft wecken. Und diese persönliche Erfahrung möchte ich der Hilti Foundation und all den Mitarbeitenden des Unternehmens einfach noch mitgeben.“