Hausbau für den Frieden

2014 reisten 12 Hilti Lehrlinge und 4 Koordinatoren nach Srebrenica in Bosnien, um beim Bau zweier Häuser für Kriegsgeschädigte zu helfen. Aus diesem damals noch eher spontan organisierten Hilfseinsatz ist mit Unterstützung der Hilti Foundation mittlerweile eine EBB-Initiative geworden, an der bereits über 1’000 Hilti Mitarbeitende teilgenommen haben, die zusammen vor Ort 225 Häuser gebaut und mehr als 42’000 freiwillige Stunden geleistet haben. Namir Porić war von Anfang an dabei – zunächst als Koordinator und heute als Direktor der Partnerorganisation «Haus der guten Töne» (House of Good Tones/HOGT). Im folgenden Interview gibt er aktuelle Einblicke in diese bemerkenswerte Kooperation.

Namir Porić ist Direktor der Partnerorganisation „House of Good Tones“ (HOGT) und koordiniert in dieser Funktion unter anderem seit 2014 die Zusammenarbeit und die Bauarbeiten mit Hilti.

Lieber Namir, starten wir mit einem kurzen Rückblick: Wie hat die Zusammenarbeit mit Hilti eigentlich begonnen?

Den allerersten Kontakt mit Hilti gab es bereits 2013. Da kam Christine Rhomberg von der Hilti Foundation zu einem Besuch nach Srebrenica und wurde auf unser Projekt aufmerksam. Damals arbeitete ich noch für den Verein «Bauern helfen Bauern», den die humanitär sehr engagierte, ehemalige österreichische Politikerin Doraja Eberle ins Leben gerufen hat. Das ganze Programm Schritt für Schritt aufgebaut habe ich dann gemeinsam mit Bea Bättig-Staud von der Hilti Foundation.

Wie genau unterstützen die Hilti Foundation und Hilti Mitarbeitende seither den Bau der Häuser?

Die Hilti Foundation übernimmt zum einen die Kosten für das benötigte Baumaterial für die einfachen, aber sehr funktionell ausgestatteten Holzhäuser. Einzig der Baugrund und das Betonfundament müssen von den begünstigten Einheimischen zur Verfügung gestellt werden. Und am eigentlichen, durchaus fordernden Baueinsatz beteiligen sich dann Hilti Teammitglieder aus aller Welt. Dieser Einsatz dauert eine Woche, in der das Haus – bis auf die notwendigen Elektro- und Sanitärinstallationen – in der Regel auch fertiggestellt ist.

Hat sich über die Jahre bei der Ausstattung der Häuser etwas geändert?

Zu Beginn bauten wir noch sehr einfache Holzhäuser ohne jede sanitäre Ausstattung, die mehr als ,Dach über dem Kopf’ bezeichnet werden konnten. Heute sind unsere Holzhäuser zwar nach wie vor recht schlicht, aber mit allem ausgestattet, was man zum ganzjährigen Bewohnen braucht: mit guter Isolierung, einem sparsamen Holzofen, der das ganze Haus auch im Winter bestens heizt, und natürlich einer Küche sowie Bad und WC. Die Häuser verfügen heute über rund 55 m2 Wohnfläche und bieten aufgrund ihrer guten Raumaufteilung zwei bis zu sechs Personen einer Familie ausreichend Platz.

Welche Art von Hilti Mitarbeitenden kommen nach Srebrenica, um beim Hausbau mitzuhelfen?

Wir hatten von Hilti hier vor Ort schon die verschiedensten Leute im Einsatz: von Lehrlingen über junge Führungskräfte bis zu Vorstandsmitgliedern. Und dazu noch aus den unterschiedlichsten Nationen. Für alle gleich ist der zeitliche Rahmen von einer Woche und die Zusammenarbeit mit von uns gestellten Fachkräften, welche die Hilti Teammitglieder anlernen und das Baugeschehen vor Ort leiten. Ausserdem versorgen die zukünftigen Bewohner der Häuser den gesamten Bautrupp mit Essen und Getränken. Dieses Schulter-an-Schulter-Gefühl schweisst die ganze Truppe jedes Mal spürbar zusammen. Arbeitstechnisch und menschlich.

Gutes Stichwort: Warum ist der Bau dieser Häuser in der Region Srebrenica aus menschlicher Hinsicht so wichtig?

Srebrenica und die umliegende Region zählen nicht nur zu den ärmsten Gebieten Europas, sie kämpfen zudem – wie viele Regionen Europas – damit, dass immer mehr Menschen aufgrund der fehlenden wirtschaftlichen Möglichkeiten und der schlechten Infrastruktur vom Land in die Stadt ziehen. Da kann der Bau von Wohnhäusern, in denen auch wieder junge Familien mit Kindern leben können, sicher etwas gegensteuern und im kleinen Rahmen auch für landwirtschaftliche Belebung sorgen.

Zum anderen hat die Region schon allein aufgrund der schrecklichen Ereignisse während des Krieges eine ganz besondere Bedeutung. Hier sind bekannterweise vor den Augen der Weltöffentlichkeit furchtbare Dinge passiert. Durch den Bau der Häuser leisten wir daher auch eine wichtige Friedensarbeit. Wir bauen diese nämlich sowohl für Bosniaken als auch für Serben.

Warum ist in diesem Zusammenhang auch der Besuch der Gedenkstätte in Srebrenica von Bedeutung, der fixer Programmpunkt für jedes Hilti Freiwilligenteam ist?

Wir setzen diesen ganz bewusst erst am dritten Tag an, wenn sich das Team bereits besser kennengelernt hat und auf der Baustelle meist schon zu einer grossen Familie zusammengewachsen ist. An der Gedenkstätte, einer staatlich geführten Institution, wird einfach die Tatsache erzählt, dass hier 1995 ein furchtbarer Genozid passierte. Das darf nicht vergessen werden, auch als mahnende Erinnerung, damit sich so etwas einfach niemals mehr ereignet.

Gleichzeitig muss der Blick unbedingt in die Zukunft gerichtet werden und das friedliche Miteinander im Fokus stehen. Im Anschluss an den Gedenkstättenbesuch fahren wir daher mit den Hilti Teammitgliedern zu unserer Musikschule, wo ein aus verschiedenen ethnischen Gruppierungen bestehender Kinderchor ein kleines Konzert gibt. Für die meisten ein sehr berührendes Erlebnis und gleichzeitig eine Bestätigung, dass ein friedliches Zusammenleben möglich ist und gerade den jüngeren Generationen dabei viel Bedeutung zukommen wird.

Kannst Du etwas mehr über die Musikschule erzählen?

Die Musikschule konnte durch eine Spende und ohne staatliche Unterstützung vor rund zehn Jahren gegründet oder vielmehr wieder aufgebaut werden. Sie agiert heute als Verein und Teil der Stiftung HOGT. Wir sind keine Vollzeitschule, sondern bieten ergänzend zu dem normalen Schulunterricht und den dortigen Lehrplänen täglich von 8 bis 17 Uhr für Kinder zwischen 6 und 16 Jahren verschiedenste Musikprogramme an: vom Erlernen eines Instruments bis zu Chorangeboten. Darüber hinaus bekommen die Kinder bei uns auch eine warme und gesunde Mahlzeit, weil das in vielen Familien leider keine Selbstverständlichkeit ist. Wir organisieren auch Transporte in Minibussen, damit auch Kinder aus der serbischen Grenzregion unsere Programme nutzen können. Seit der Gründung oder dem Wiederaufbau der Musikschule sind sicherlich ein paar tausend Kinder zu uns gekommen. Aktuell nutzen rund 350 serbische und bosnische Kinder unsere Angebote.

Kommen wir zurück zu den Baueinsätzen und der Kooperation mit Hilti. Welche Bedeutung haben diese für die Region und für Dich persönlich?

Ich bin bis heute jeden Tag dankbar, mit solch engagierten Menschen und einem solchen Unternehmen zusammenarbeiten zu dürfen – und ich habe durch meine Arbeit bereits sehr viele unterschiedliche Stiftungen, Unternehmen und Spender aus ganz Europa kennengelernt.

Mit der bisherigen Unterstützung durch Hilti und dem freiwilligen Einsatz von so vielen Teammitgliedern aus der ganzen Welt ist uns schon sehr vieles gelungen. Wir errichteten gemeinsam hunderte Häuser und ermöglichten so die Rückkehr vieler Familien in ihre alte Heimat. Ausserdem setzten wir dadurch – unabhängig von Staatszugehörigkeit, politischer Überzeugung und Religion – ein starkes Zeichen, dass und wie ein friedliches gemeinsames Arbeiten und Zusammenleben in der Region möglich ist.

Warum würdest Du Hilti Teammitgliedern empfehlen, an einem Arbeitseinsatz in Bosnien teilzunehmen?

Ganz einfach: Es ist eine fantastische und – im wahrsten Sinne des Wortes – unbezahlbare Erfahrung. Abgesehen von dem persönlichen Einsatz im Zeichen sozialer Verantwortung stärkt ein solches Erlebnis natürlich auch Teamfähigkeit und Teamgeist. Ausserdem bekommt man einen unmittelbaren und unverfälschten Eindruck von Land und Leuten unserer Region. Menschlich ganz nah und oft auch emotional berührend. Selbst mir kommen nach all den Jahren in so manchen Momenten noch die Tränen.

Ergänzend dazu glaube ich einfach, dass es gerade für die jüngere Generation eine unverzichtbare und wertvolle Erfahrung ist, weil sie vieles, was mitten in Europa passiert ist und heute noch grosse Auswirkungen hat, nur vom Hörensagen kennt. So eine Woche sensibilisiert einfach und erweitert oder schärft die persönliche Sichtweise.

Blicken wir in die Zukunft: Wie wird es mit dem Hilfsprojekt weitergehen?

Wir befassen uns tatsächlich gerade recht intensiv damit, welche Strategie wir in Zukunft verfolgen werden. Auch wenn wir für die nächsten Jahre bereits einiges – auch dank der Unterstützung durch Hilti – fix geplant haben, werden wir sicher nicht endlos Häuser in Srebrenica bauen. Bedarf besteht zweifellos im ganzen Land. Wir werden also sicher neue Programme auch in anderen Regionen entwickeln, etwa weiter im Süden oder im Grossraum Sarajevo. Das ist alles natürlich immer auch mit logistischen Fragen verbunden. Die dafür notwendigen Vorarbeiten und Recherchen werden derzeit von uns gemacht, um ein langfristiges Programm für die Zukunft zu erstellen.

Zum Abschluss: Wie sieht Dein ganz persönliches Fazit der letzten Jahre aus?

Ich werde heuer 65 Jahre alt und arbeite als gelernter Jurist seit fast 30 Jahren in diesem Bereich. Hätte mir das jemand mit Mitte 30 prophezeit, hätte ich es ihm niemals geglaubt. Mittlerweile bin ich davon allein 22 Jahre in Srebrenica tätig und habe in dieser Zeit sehr viel erlebt: Ich habe hunderte Häuser mitgebaut, kenne fast jede Familie und jeden Politiker in der Region. Ich habe sehr, sehr viel Trauer und Schmerz gesehen und miterlebt, was mich zeitweise auch seelisch belastet hat.

Aber andererseits kommen mir auch sofort das Lachen und die Zuversicht in den Sinn, die mir von Kindern, Eltern, aber auch alten Menschen schon so oft entgegengestrahlt haben. Solche Momente empfinde ich immer auch als Belohnung für das, was ich zusammen mit vielen gleichgesinnten, engagierten Menschen tun und umsetzen durfte.

Für mich ist diese Region aufgrund ihrer Geschichte ein ganz spezieller Ort. Ein Ort, von wo man ein starkes Signal für ein friedliches Zusammenleben verschiedener ethnischer Gruppen in die Welt schicken kann. Ein Signal, dass dies mit menschlicher Entschlossenheit und gegenseitigem Respekt auch funktionieren kann. Und wir alle brauchen solche Signale aktuell mehr denn je.

Im Jahr 2014 reisten zwölf Hilti-Auszubildende und vier Koordinatoren nach Srebrenica in Bosnien, um beim Bau von zwei Häusern für Kriegsopfer mitzuhelfen.

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